London – Fast könnte man dieser Tage glauben, einige Spieler sähen den All England Lawn Tennis and Croquet Club, kurz AELTC, zum ersten Mal live. Oder sie hätten ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Denn sie tun das, was jeder Tennisfan am liebsten täte, wenn er die heiligen Hallen des Tennis betritt und den Blick einfach nicht von den makellos gepflegte Rasenplätzen lösen kann; sie posieren für Fotos mit ihren Teams vor der Kulisse des mit Efeu bewachsenen Centre Courts oder einfach nur auf irgendeinem grünen Trainingsplatz. Die Botschaft ist klar: Ahhh, Wimbledon, es ist wieder soweit.
Einer der größten Fans dieses Turniers ist bekanntlich jener Mann, der es achtmal gewann. Vor genau 20 Jahren, mit knapp 18, spielte Roger Federer im Londoner Südwesten zum ersten Mal bei den Großen – im Jahr davor hatte er den Juniorentitel gewonnen –, und die Geschichte einer besonderen Beziehung begann dabei mit einer Niederlage in fünf Sätzen gegen den Tschechen Jiri Novak.
Aber zurück in die Gegenwart. Federer ist guter Dinge dieser Tage, bestens eingestimmt auf das grüne Spiel mit dem kürzlich in Halle/Westfalen gewonnenen Titel, dem 102. seiner Karriere. Zu den French Open war er im Mai zum ersten Mal seit langer Zeit ohne die Familie gereist, diesmal sind alle wieder dabei. Bei den fünf Jahre alten Söhnen Leo und Lenny hat er Interesse für Tennis festgestellt, und so sind sie dieser Tage gelegentlich im Club dabei, wenn der Vater trainiert. Aber der gönnt sich auch Abwechslung anderer Art; mit den Kollegen Nadal, Thiem, Zverev und Fognini traf er sich zu einem Essen der Europaauswahl für den Laver Cup bei einem Japaner im Westend.
Ob er mit Rafael Nadal bei dieser Gelegenheit für die Setzliste für Wimbledon sprach? Schwer zu sagen. Der Spanier hatte gewisses Unverständnis darüber geäußert, dass er in der vom Titelverteidiger Novak Djokovic angeführten Liste hinter Federer auf Platz drei landete, obwohl er in der Weltrangliste vor dem Schweizer steht. Doch Wimbledon folgt seit mehr als anderthalb Jahrzehnten im Gegensatz zu den anderen drei Grand-Slam-Turnieren bei der Setzliste nicht der Weltrangliste, sondern bedient sich einer mathematischen Formel, bei der auch die Ergebnisse auf Rasen eingerechnet werden. Man kann darüber streiten, ob diese Formel noch zeitgemäß ist und warum sie nur bei den Männern angewendet wird, aber nicht bei den Frauen, aber noch ist sie im Dienst. Nachdem allerdings bei der Auslosung am Freitag herauskam, dass Federer und Nadal ohnehin im Halbfinale der unteren Hälfte gegeneinander spielen müssen – so sie dann beide noch dabei sind – kommt es nicht mehr so arg darauf an, wer die 2 und wer die 3 ist.
Zu den Neuigkeiten der 133. All England Championships gehört das betriebsbereite bewegliche Dach auf Court 1, dem zweitgrößten Platz der Anlage, wobei der Wetterbericht für die ersten Tage des Turniers im Moment nicht so aussieht, als werde das Dach gebraucht. Eher wird vielleicht die neue Regel genutzt. Nach den Erkenntnissen von 2018 mit dem zweitlängsten Spiel der Tennisgeschichte, jenen sechs Stunden und 36 Minuten im Halbfinale zwischen dem Südafrikaner Kevin Anderson und dem Amerikaner John Isner inklusive eines fünften Satzes von fast drei Stunden, fand Wimbledon, es sei Zeit für eine Veränderung. Jetzt sieht die Sache so aus, dass beim Stand 12:12 im fünften Satz Tiebreak gespielt wird.
Mindestens einen kniffligen Fall werden die Herrscher im grünen Reich lösen müssen: Wohin mit Andy Murray? Dessen Rückkehr, nur ein halbes Jahr nach einer Hüftoperation, bewegt die Tenniswelt. Murray wird bekanntlich nicht Einzel, sondern Doppel spielen – Partner ist der Franzose Pierre-Hugues Herbert – doch um den Rasen zu schonen, werden normalerweise erst ab Ende der ersten Woche auf dem Centre Court oder Court 1 Doppel angesetzt, und so wird es nicht ganz leicht werden, den passenden Rahmen für die mit allerlei Emotionen verzierte Rückkehr zu finden.
Das vielleicht spektakulärste Spiel der ersten Runde wird es bei den Frauen geben. Venus Williams, 39 Jahre alt und damit die Älteste in der Einzelkonkurrenz, wurde gegen die Jüngste ausgelost, die 15 Jahre alte Cori Gauff. Die sieht ihr nicht nur ähnlich, sondern gilt auch als eine der größten Hoffnungen des US-amerikanischen Tennis.
Angelique Kerber, die Titelverteidigerin, wird in einem deutschen Duell in der ersten Runde gegen Tatjana Maria spielen. Dass sie gut in Form ist, sieht man nach dem Auftritt auf Mallorca nun auch in Eastbourne, wo sie nach dem kampflosen Sieg über Ons Jabeur heute im Finale gegen Karolina Pliskova um den Titel spielen wird. Im zweiten Finale innerhalb einer Woche; kein schlechtes Zeichen.