Adieu, Weltspitze!

von Redaktion

DFB-Damen scheitern im WM-Viertelfinale an Schweden und verpassen dadurch auch Olympia

VON FRANK HELLMANN

Rennes/Bruz – Abschied nehmen fällt immer schwer. Gerade wenn eine Herberge so idyllisch liegt, wie das Domaine de Cicé-Blossac in Bruz, das für die deutschen Fußballerinnen der Startpunkt der WM-Mission gewesen war – und auch zum Endpunkt wurde. Ein Teil der Spielerinen stieg am Sonntagmorgen direkt vor dem Salon in den Mannschaftsbus, der seine Insassen zum Bahnhof in Rennes fuhr, von wo es über Paris Richtung Heimat ging. Der andere Teil des Teams reiste in Privatwagen bzw. Taxis ab. Der einstige Trendsetter und zweifache Weltmeister Deutschland ist nur Zuschauer, wenn die WM-Finalwoche in Lyon steigt. England und USA (Dienstag, 21 Uhr), Niederlande und Schweden (Mittwoch 21 Uhr) bestreiten die beiden Halbfinals, das Endspiel folgt am Sonntag (17 Uhr). Die DFB-Frauen hingegen stehen nach dem 1:2 im Viertelfinale gegen Schweden als Verlierer da.

Dzsenifer Marozsan, die Starspielerin von Olympique Lyon will sich die restlichen Spiele nun „zuhause anschauen“. Nicht in Lyon im Stadion, sondern am Fernseher in Saarbrücken. Die Stimme der 27-Jährigen stockte, aber Zweifel an der grundsätzlichen Ausrichtung des Teams äußerte sie nicht. „Die Mannschaft hat viel Potenzial und wird zusammenwachsen.“ So wie ihre gebrochene Mittelzehe des linken Fußes.

Marozsan war unter Steffi Jones die Kapitänin, als die DFB-Frauen bei der EM 2017 gegen Dänemark (1:2) bei der Wiederholung eines am Vorabend wegen Regens in Rotterdam abgebrochenen Viertelfinals verloren. In Rennes brannte diesmal die Sonne vom Himmel. Ansonsten war derselbe Systemausfall beim DFB-Team wie damals zu besichtigen: Ein Gegentor genügte, um den Stecker zu ziehen. Nach der Führung von Lina Magull (16.) drehten Sofia Jakobsson (22.) und Stina Blackstenius (48.) das Blatt.

Bei allen Protagonisten wäre das Eingeständnis hilfreich, dass das WM-Aus weniger mit „fehlendem Spielglück“, wie Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg es sah, sondern eher mit fußballerischer Armut zu tun hatte. Dass der amtierende Olympiasieger nun bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio fehlt, weil sich dafür nur die besten drei europäischen Teams der WM qualifizieren, ist besonders bitter. Als nächstes Ziel bleibt nur die EM 2021 in England.

„Das darf nicht passieren. Es ist einfach blöd, wenn uns ein langer Ball aus der Bahn wirft“, kritisierte die erstmals im Turnier bezwungene Torhüterin Almuth Schult mit Blick auf Schwedens Ausgleich zum 1:1, dem Anfang vom Ende. Die 28-jährige Schult wusste natürlich, dass der Rohrkrepierer im Roazhon Park viel von dem verdarb, was sie sich so vehement gewünscht hatte: mehr Aufmerksamkeit für die DFB-Frauen, mehr Nachhaltigkeit. Gerade deshalb wären zwei weitere Spiele bei dieser WM so wichtig gewesen.

Die Bundestrainerin versuchte, dem Schlechten etwas Gutes abzugewinnen. „Wir müssen darin auch eine Chance sehen, dass es uns Zeit und einen Rahmen gibt, Entwicklungen anzuschieben, Veränderungsprozesse kontinuierlich weiterzugehen und bei der EM 2021 eine gute Rolle zu spielen. Es darf für uns kein Rückschlag sein“, sagte Voss-Tecklenburg, die eine „sachliche Analyse“ ankündigte.

Die 51-Jährige wird genau überlegen müssen, wem sie beim Erneuerungsprozess mehr Verantwortung überträgt. Giulia Gwinn (18), Lena Oberdorf (17), Klara Bühl (18), vielleicht auch Lea Schüller (21) sollen zu Leistungsträgerinnen reifen, während Lena Goeßling (33) wohl als erste aus dem aktuellen Kader ihren Rücktritt erklären wird.

Au revoir Bretagne, posteten die DFB-Frauen zu den mit trauriger Musik unterlegten Abschiedssequenzen. Au revoir Weltspitze, wäre besser gewesen. Für Voss-Tecklenburg ist das eine „Sache der Definition“, denn: „Wir haben nicht 0:5 verloren, sondern 1:2.“ Die Trainerin sieht sich trotz des frühen WM-Aus auf dem richtigen Weg. „Ich erwarte, dass wir daran wachsen. Weil wir ein Spiel verloren haben, stellen wir nicht alles infrage“, sagte sie.

Ihre Vorgesetzten haben auf Grundsatzdiskussionen im weiblichen Bereich ohnehin keine Lust, obwohl gerade auch die Frauen-Bundesliga den Anschluss verliert, wie man schon sehen kann, wenn man den internationalen Transfermarkt nur überfliegt. Der für die Nationalmannschaften zuständige Oliver Bierhoff erteilte per Ferndiagnose reflexartig Rückendeckung für die Bundestrainerin: „Martina Voss-Tecklenburg hat in der kurzen Zeit schon sehr viel bewegt, wir haben viele tolle Ansätze gesehen, die Erneuerung schreitet voran.“ Diesen Weg solle die Trainerin mit dem Team „konsequent fortsetzen.“

Über Voss-Tecklenburgs Tun muss nicht gesprochen werden, meint auch DFB-Vizepräsident Rainer Koch: „Diese Frage erübrigt sich! Es war ein hartes Stück Arbeit, sie als Trainerin zu gewinnen. Wer sie erlebte, kommt nicht auf die Idee, sich ein weiteres Thema ins Haus zu holen. Wo keine Probleme sind, muss man sich keine machen.“

Die DFB-Spitze findet es offenbar nicht sehr schlimm, dass der Frauen-Weltmeister 2019 ohne Deutschland ausgespielt wird.

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