Keine Frage, es hat schon peinlichere Mitgliederversammlungen gegeben beim TSV 1860. Abgesehen von den aggressiven Schmährufen gegen das präsidiumskritische Klubmitglied Thomas Schummer gab es gestern in der Freimanner „Zenith“-Halle keine Auswüchse, die das Image der Löwen als chaotischster aller deutschen Chaosvereine weiter verschlimmert hätte. Ob sich das zarte Pflänzchen der blauen Disziplin durchsetzen wird? Nach dem deutlichen Votum für Präsident Robert Reisinger gibt es für die sogenannte schweigende Mehrheit vorerst keine belastbare Grundlage mehr, auf die Relevanz ihrer Interessen zu pochen. Selbst der von Ismaik im Vorfeld der Versammlung als e.V.-Ausnahmeerscheinung gepriesene Beirat Karl-Christian Bay bezeichnete den Konsolidierungskurs ohne weitere Verschuldung als „alternativlos“. Zu desaströs sei die Bilanzstruktur mit 22,2 Millionen Euro an negativem Eigenkapital, als den Darlehenskurs bedenkenlos fortsetzen zu können.
Eine zukunftsfähige Lösung kann – positive Fortführungsprognose hin oder her – nur mit gegenseitiger Unterstützung gelingen. Reisinger und die beileibe nicht ideologiefreie Fraktion im e.V.-Verwaltungsrat werden sich am Satz des Präsidenten messen lassen müssen, auf Maximalforderungen zu verzichten. Ebenso sollte es in Ismaiks Interesse liegen, das schwerkranke Unternehmen 1860-Profifußball nicht mit lebensgefährlichen Medikamenten zu dopen. Zusammenarbeit ist dringender den je geboten.
Ein Blick auf die Etatplanung für die Saison 2020/21 genügt, um das Abstiegsgespenst real werden zu lassen. Mit den vorgesehenen 2,4 Millionen Euro (nur 200 000 mehr als in der Regionalliga) ist in der 3. Liga kein Staat zu machen. Das müsste auch dem seit gestern weiter gefestigten e.V.-Staat im Staate TSV 1860 einleuchten, sollte er tatsächlich an sportlichem Erfolg interessiert sein.
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