Eine wuchtige Zahl: 9,2 Millionen. So viele schalteten ein zum Finale der Fußball-Europameisterschaft der U 21 am Sonntagabend. Die Sommerpausen-Wiederholung eines Tatorts hätte auf ihrem angestammten Sendeplatz keine bessere Quote erzielt – die ARD konnte also voll zufrieden sein.
Neun Millionen erreicht nicht jedes A-Länderspiel und auch nicht jedes Champions-League-Match, als das ZDF noch Übertragungsrechte hatte und der Wettbewerb nicht im Bezahlfernsehen verschwunden war. Neun Millionen sprechen also für ein fundiertes Fußballinteresse, denn eine U 21 ist halt doch ein unbekanntes Wesen. Die Stars des Jahrgangs (Sané, Brandt, Havertz) spielten erst gar nicht mit.
Vor einem Jahr war das nicht abzusehen. Nach dem Desaster der A-Nationalmannschaft bei der WM in Russland und der anschließenden hilflosen Aufarbeitung durch den DFB musste man davon ausgehen, dass sich eine bleierne Fußball-Müdigkeit über das Land legen würde. Nicht nur über Jogis (vermeintliche) Elite, sondern über alles, was mit der oft als verkorkst beschriebenen Profiszene zu tun hat.
Jedoch hat sich in den zwölf Monaten seitdem gezeigt: Die Fans sind in der Mehrzahl bereit, zu vergessen, zu verzeihen, neu anzufangen. Der Fußball (in Deutschland) ist in der Lage, sich zu regenerieren.
Vieles, was nun positiv erscheint, sollte man jedoch noch unter Vorbehalt sehen. An der Befähigung von Joachim Löw herrschen, wie kürzlich eine Umfrage des „Kicker“ unter den Bundesligaspielern gezeigt hat, große Zweifel, die ultimative Aussortierung von zumindest Mats Hummels und Thomas Müller bleibt diskussionswürdig. Ebenso, ob es ein tragfähiges Konzept ist, die Nationalmannschaft um verletzungsanfällige Spieler wie Marco Reus und Serge Gnabry herum zu bauen. Und was man halt überhaupt nicht einschätzen kann: Wächst wirklich eine neue Generation von Siegertypen heran, die Titel gewinnen kann – oder behält der Kritiker Mehmet Scholl recht, der vorhersagte, die Deutschen würden auf absehbare Zeit darunter leiden, dass sie es versäumt hätten, Individualismus zu fördern? Der Verlauf der EM-2020-Qualifikation und die Performance der U 21 sind aber wenigstens Lichtblicke.
Als Verband hat sich der DFB noch nicht so erneuert wie Löw seine Mannschaft. Er ist momentan ohne PräsidentIn und ohne Idee, wer es sein könnte, wenn am 27. September gewählt werden soll. Und es geht nicht nur um die Person, sondern auch die Struktur. Aber gut: Für Verbandspolitik interessieren sich weniger Menschen als für U 21-Fußball.
Guenter.Klein@ovb.net