Udine/München – Man könnte sagen, dass das Finale der U 21-Europameisterschaft durch einen Torwartfehler entschieden wurde. Alexander Nübel, als neuer Manuel Neuer gehandelt, konnte in der 69. Minute einen Schuss des fabelhaften Spaniers Fabian nicht festhalten, als wäre er der alte Oliver Kahn aus dem Weltmeisterschaftsendspiel von 2002. Rein rechnerisch wäre es ohne den Nübel-Fehler statt 2:1 für Spanien erst einmal 1:1 aus- und in die Verlängerung gegangen.
Man sollte jedoch auch anerkennen, was in der Sekunde passierte, nachdem Alexander Nübel der Ball von der Brust geprallt war: Dani Olmo, der am nächsten stehende Spanier, staubte nicht einfach schnöde ab, sondern lupfte den Ball über Nübel, wie es in einem solchen Safety-first-Moment wohl nur wenige Spieler auf der Welt machen. Mag der Ursprung des Tors zum 0:2 gegen Deutschland in einer Fehlleistung liegen – die Vollendung war dann Kunst. Und Spaniens U 21 somit ein verdienter europäischer Champion.
Die deutschen Spieler sanken am Ende auf den Rasen nieder, wie man es tut, wenn die Saison vorbei und das letzte Ziel verfehlt ist. Für die meisten war die U 21-EM et-was Größeres als das, was ihnen der Verein bieten kann. Und vielleicht auch schon in jungen Jahren der letzte Auftritt als Nationalspieler. Jetzt kommt die kritische Phase, in der man nicht nur zu den Besten seines Jahrgangs zählen muss, sondern überhaupt. Nur ein paar aus der Mannschaft von Stefan Kuntz werden im A-Team auftauchen, und es ist auch nicht davon auszugehen, dass alle den Trostpreis Olympia-Teilnahme bekommen. Mit Freigaben waren die Vereine schon 2016 zurückhaltend. Unvergessen, wie der damals zuständige Trainer Horst Hrubesch um Spieler betteln musste.
Diejenigen, die bei der „richtigen“ Nationalmannschaft schon einen festen Platz haben, waren bei der EM, obwohl sie vom Alter zugelassen gewesen wären, gar nicht dabei: Timo Werner, Julian Brandt, Kai Havertz, Leroy Sané, Thilo Kehrer. Abgestellt hatte Joachim Löw Jonathan Tah und Lukas Klostermann. Benjamin Henrichs debütierte bei ihm bereits vor knapp drei Jahren, fand zuletzt aber keine Berücksichtigung mehr. Und Maximilian Eggestein durfte bislang mal in eine Löw-Trainingswoche reinschnuppern, aber noch nicht spielen.
Nach oben drängen auch aus dieser U 21 in erster Linie Akteure, die weiter hinten oder zentrales Mittelfeld spielen wie Arne Maier aus Berlin (20, der Jüngste) und der Mönchengladbacher Florian Neuhaus. Spektakulärster Mann war Luca Waldschmidt mit seinen sieben Toren, und da er in Freiburg vor Joachim Löws Haustür kickt, wird er wohl eine Anstands- und Kennenlern-Nominierung für die nächsten Länderspiele bekommen. In die Kategorie „Supertalent“ fällt Waldschmidt allerdings nicht, mit 23 hat er einige Stationen hinter sich und ist beim SC Freiburg noch kein bedingungslos gesetzter Spieler. Der Augsburger Marco Richter flog nur in der Vorrunde hoch und schließlich aus der Startaufstellung, Levin Öztunali behielt zwar seinen Platz, ist mit 23 aber halt immer noch in erster Linie „der Enkel von Uwe Seeler“. Auch Mo Dahoud (Dortmund, auch schon 23) kommt nicht recht voran.
Den späten deutschen Treffer im EM-Finale von Udine erzielte der Hoffenheimer Nadiem Amiri. Nach einer Verletzung musste er sich seine Position erst erkämpfen. Von den Offensivspielern überzeugte er neben Luca Waldschmidt am nachhaltigsten. Da Amiri auch für Afghanistan spielen könnte, wird ihn der DFB sich wohl bald durch einen Einsatz in einem EM-Qualifikationsspiel sichern.