15-Jährige erobert Wimbledon

von Redaktion

Cori Gauff läutet einen Generationen-Wechsel im Frauen-Tennis ein

VON DORIS HENKEL

London – Man hätte sie für Mutter und Tochter halten können, als sie nach dem Spiel auf Wimbledons Centre Court aufeinander zugingen. Auf der einen Seite Venus Williams, die ältere der legendären Schwestern und mit 39 Jahren älteste Spielerin des Turniers. Links Cori Gauff, mit 15 Jahren und knapp vier Monaten die Jüngste. Als die eine geboren wurde, hatte die andere schon die ersten vier ihrer sieben Grand-Slam-Titel gewonnen.

Miss Cori, die lieber Coco genannt werden möchte, streckte die Hand aus und nutzte die Gelegenheit, um der bewunderten Gegnerin mitzuteilen, was ihr sehr am Herzen lag. Danke für alles, was du für diesen Sport getan hast, sagte sie. Es spricht einiges dafür, dass mit diesem Handschlag für alle offensichtlich wurde, dass die junge Amerikanerin auf sehr ähnlichen Pfaden unterwegs ist wie die erfolgreichsten Schwestern des Sports. Es gibt zwar immer wieder Spielerinnen, die als Teenager mit Verve und Furchtlosigkeit Spiele gewinnen, doch später stellt sich heraus, dass der Weg viel weiter ist, als es bei den ersten Erfolgen den Anschein hatte. Ashleigh Barty, zum Beispiel, die seit knapp zwei Wochen an der Spitze der Weltrangliste steht, wurde auch eine tolle Karriere vorausgesetzt, als sie vor acht Jahren mit 15 den Juniorinnen-Titel in Wimbledon gewann. Aber erst nachdem sie sich für zwei Jahre vom Tennis verabschiedet hatte, kam die Australierin mit den Anforderungen der Tour besser zurecht. Aber es könnte natürlich auch anders gehen. Coco Gauffs Eltern orientieren sich bei vielen Entscheidungen am Beispiel von big daddy Richard Williams, wobei manche Dinge für die nächste und übernächste Generation afro-amerikanischer Spielerinnen leichter sind als damals für den Pionier Williams und seine Töchter.

Cori Gauff aus Delray Beach in Florida ist noch zu jung, um bei allen Turnieren mitspielen zu dürfen, was ihr nicht gefällt. Sie hat nicht das kleinste Problem damit, die Welt des Tennis wissen zu lassen, wie sie sich die Sache vorstellt. „Ich will die Beste werden“, sagt sie.Das wollen viele, aber entscheidend auf dem Weg zu großen Zielen ist ja oft die Kunst der kleinen Schritte. So wie die Einstellung, mit der sie ins Spiel gegen ihr Idol auf den Platz Welt gegangen war. „Mein Traum war zu gewinnen. Und das ist passiert. Ich denke, dass sich die Leute einfach zu viele Grenzen setzen.“ Sie gehört noch nicht zu den besten 200 Spielerinnen der Welt, aber das könnte schon mit einem weiteren Sieg in Wimbledon der Fall sein. Und auch das ist sicher nicht mehr als eine Zwischenstation. Nun ist sie nicht die einzige junge Spielerin mit großen Zielen, schon gar nicht in den USA. Aber sonst scheint sie ein herzerfrischend normaler Teenager zu sein – „definitiv ziemlich albern“ nach eigener Beschreibung. Über mangelnde Unterstützung kann sie sich jedenfalls nicht beklagen.

Seit sie 13 ist, wird sie von Roger Federers Management-Firma Team8 betreut, und es war ein vielsagendes Bild, als Federers Manager und Partner bei Team8, Tony Godsick, nach dem Sieg gegen Venus Williams mit breitestem Lächeln applaudierte. Und es kann natürlich auch nicht schaden, sich mit dem Meister persönlich auszutauschen. Coco Gauff sagt, nicht nur Serena und Venus Williams, auch Roger Federer hätte sie mit seinen Erfolgen sehr inspiriert. Als sie im vergangenen Jahr zu bei den Australian Open in der ersten Runde bei den Juniorinnen verlor, hatte er ein paar Tipps für sie parat, ein paar Monate später bei den French Open gewann sie den Titel.

Sie glaubt gern daran, dass das Gespräch aus Melbourne seine Wirkung nicht verfehlte. Zu ihren Heldinnen außerhalb des Tennisplatzes gehören Rihanna und Beyoncé, für das Spiel gegen Venus Williams brachte sie sich mit Miss Mulatto in Schwung, einer Rapperin, die nur sechs Jahre älter ist als sie selbst. Aber sie hat offensichtlich nicht nur eine Zukunft auf dem Tennisplatz: Am Abend vor ihrem letzten Spiel im Qualifikationsturnier für Wimbledon schrieb sie einen Test für ihre High School und bekam auch dafür eine gute Note.

Artikel 3 von 11