Campo Herzo

von Redaktion

Die Entscheidung für das ständige Quartier bei der Europameisterschaft 2020 ist gefallen. Der DFB hat sich für Herzogenaurach entschieden, er zieht zu seinem Sponsor Adidas. Aus dem Rennen sind somit Garmisch-Partenkirchen und die Tegernsee-Region, die sich Hoffnung gemacht hatten auf werbewirksame Bilder und Schlagzeilen.

VON GÜNTER KLEIN

München – Kasper Rorsted, dänischer Chef von Adidas, war einer der wenigen Gäste vor einem Jahr in Watutinki. Er besichtigte vor dem ersten deutschen WM-Spiel gegen Mexiko das in der Rückschau eher berüchtigt als berühmt gewordene Quartier der Nationalmannschaft auf dem Gelände des russischen Geheimdiensts, zu dem es nicht einmal eine offizielle Adresse gab. Rorsted sah also, wie eine Unterkunft von Lage, Ausstattung, Ambiente nicht sein sollte – und hat zwei Jahre später die Gelegenheit, selbst eine viel bessere zu bieten.

Der Firmensitz von Adidas im fränkischen Herzogenaurach wird das „EM 2020 Camp“ der deutschen Nationalmannschaft, die – ihre Qualifikation für das Turnier vorausgesetzt – die Vorrunde in München (und voraussichtlich Budapest) bestreiten wird. Der DFB wird in die „World of Sports“ einziehen, den Campus seines langjährigen Sponsors und Ausrüsters. Vielleicht wird dann in „Herzo“, wie Herzogenaurach in der Kurzform genannt wird, wieder eine Erfolgsgeschichte geschrieben, wie 2014 in Brasilien im „Campo Bahia“. Campo Herzo also.

Dass sich der DFB für die sichere und bekannte Variante Herzogenaurach entscheidet, bedeutet, dass er die ebenfalls angedachte München-nahe Lösung verworfen hat. Der Tegernsee war in der Verlosung gelesen, dank ansprechender Hotellerie und einer von Bundesliga-Clubs gebuchten und für gut befundenen Anlage in Rottach-Egern. Zudem Garmisch-Partenkirchen – auch dort hatte eine DFB-Delegation um Direktor Oliver Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw die Örtlichkeiten (zwei in Frage kommende Hotels und den Fuballplatz) besucht. Mögliche Handicaps der landschaftlich reizvollen Standort wären gewesen: schwer zu kontrollierender Volkstrubel und bisweilen diffizile Verkehrslage (bis man mal auf der Autobahn ist). Von Herzogenaurach aus geht es trotz der größeren Entfernung zur Münchner Arena (gut 180 Kilometer) auch schnell, am Flughafen Nürnberg wird die Mannschaft in etwas mehr als 20 Minuten sein. Er hat keine Nachtflugbeschränkung – auch das ein Kriterium für den DFB, der nach Spielen im Ausland zügig zurückkehren will.

Herzogenaurach, die Weltstadt in Sachen Sportartikelhandel (auch Puma ist aus der 23 000-Einwohner-Stadt – und Nike mit einem Shop vertreten), hatte die Fußballer immer wieder mal zu Gast, zuletzt 2017 kurz vor der Abreise zum Confederations Cup in Russland. In Nürnberg spielte Deutschland noch gegen San Marino, trainiert wurde auf dem Adidas-Campus. Der ist seitdem gewachsen. Etwa um ein Bürogebäude für die Verwaltung.

Wer als Externer die Sicherheitskontrollen passiert (nur mit Einladung und Tagespass), betritt eine Welt, die an ein Feriendorf erinnert. In eine grüne Landschaft sind Tennis-, Beachvolleyballplätze, Kletterwände und Fitnessparcours eingebettet, die mittlerweile 5600 Mitarbeiter von Adidas am Stammsitz sollen zum Sporttreiben animiert werden.

Der DFB wird in dieser Kunstwelt seinen eigenen Bereich bekommen, in seiner Mitteilung schreibt er von „baulichen Erweiterungen und funktionalen Einrichtungen“, die nach der EM von der Firma genutzt werden.

Bekannt gegeben wurde die Vereinbarung des DFB mit Adidas in einem 59-Sekunden-Filmclip. Er beginnt mit einer anonymen Anzeige, die am Montag in einigen Zeitungen geschaltet und auf Strommäste in Großstädten geklebt war: „Erfolgshungrige Fußballmannschaft zum Anfassen sucht Quartier im Herzen Europas für Turnier-Vorbereitung. Mindestens 200 qm Fläche, Trainingsplatz in gutem Zustand notwendig. Sportmöglichkeiten, Natur und Verpflegung erwünscht. Kontakt bitte nur via WhatsApp.“ Kasper Rorsted meldet sich: „Oliver, seid ihr das?“ Es folgt eine Adidas-Kurzbewerbung („Wir haben fleißige Greenkeeper, ein Stadion“), Bierhoff holt sich Stimmen seiner Jungs ein (Serge Gnabry, Manuel Neuer, Ilkay Gündogan“). Die schicken Videobotschaften: Einverstanden mit „Herzo“.

Den unterlegenen Mitbewerbern lässt Bierhoff ausrichten, man habe „viele hervorragende Optionen“, die „mit Herzblut gute Konzepte bei uns hinterlegt haben“.

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