Hamburg – Es ist vieles vertraut für Clemens Wickler und doch so anders als sonst. Der gebürtige Starnberger lebt seit 2017 in Hamburg, trainiert hier zusammen mit Beachvolleyball-Partner Julius Thole am Olympiastützpunkt, auch die Anlage am Rothenbaum kennt er bestens. Im vergangenen Jahr hatte es das deutsche Duo beim World-Tour-Finale bis ins Halbfinale geschafft und sich mit Platz vier in der Weltelite etabliert. Aber das, was Wickler und Thole in diesen Tagen erleben, ist damit nicht zu vergleichen. „Zum ersten Mal sind alle Augen auf uns gerichtet. Das ist eine neue Situation für uns“, sagt der 24 Jahre alte Wickler.
Die beiden spielen ihre erste Weltmeisterschaft und müssen erst noch lernen, mit der hohen Erwartungshaltung zurechtzukommen. Wickler und Thole rückten in dieser Saison mit guten Ergebnissen auf World Tour auf Platz zwölf in der Weltrangliste vor – und trägt als bestes Team des Gastgeberlandes die Hoffnungen. „Es wird erwartet, dass wir die Spiele gewinnen“, weiß Wickler. Nach den Siegen in den beiden ersten Spielen gegen die Duos aus Ruanda und Iran hat die deutsche Nummer eins auch ihre dritte Partie gewonnen. Durch das 2:0 gegen Tri Bourne und Trevor Crabb gehen Thole/Wickler aus den USA als Gruppensieger in die am Mittwoch beginnende K.o.-Runde. Aber nur die letzte Partie war überzeugend. „Da hatten wir richtig Spaß auf dem Feld. Die ersten beiden waren ein bisschen verkrampft“, sagte Wickler. Die Gedanken an die Erwartungshaltung lassen sich eben nicht so leicht beiseiteschieben, hat Thole erkannt: „Wir reden viel mit unserer Psychologin.“
Die Psychologin, das ist Anett Szigeti. Die hat schon den Olympiasiegerinnen Kira Walkenhorst und Laura Ludwig wertvolle Tipps gegeben. Sie gehört ebenso zum Team um Thole/Wickler wie der Olympiasieger von 2012 Julius Brink und Markus Dieckmann, die als persönliche Mentoren und Technik-Trainer fungieren. Und auch Jürgen Wagner, der die ebenfalls am Hamburger Stützpunkt trainierenden Laura Ludwig und Margarata Kozuch betreut, mischt neuerdings mit. Auf diesem Niveau, weiß Wickler, sei „das Zusammenspiel von Experten“ erforderlich, „um an der Weltspitze angreifen zu können“.
Brink hält viel von Wickler und seinem Sandplatz-Kollegen Thole. „Noch spielen sie nicht konstant, aber die beiden werden sich noch weiterentwickeln“, sagte der Goldmedaillengewinner von London in der „Welt“. Mit seiner Aussagen, dass das Duo schon in Hamburg „das Zünglein an der Waage bei der Vergabe der Medaillen“ sein könnte, sorgt er nicht gerade dafür, dass der Druck kleiner wird. Der Betriebswirtschaft-Student hatte bereits früh erkennen lassen, dass er Zeug zu einem sehr guten Beachvolleyballspieler hat. Aber nach seinen Titeln bei der U 19-WM und U 20-EM geriet die Karriere ins Stocken.
Wickler musste zwei Jahre wegen Knieverletzungen pausieren und versuchte es mit sechs verschiedenen Blockern, ehe er Anfang 2018 im 15 Zentimeter größeren Thole einen idealen Partner gefunden hat – auf dem Platz. Abseits sind die beiden in einigen Dingen eher verschieden – das zeigt sich vor allem, wenn sie auf Reisen sind und ein Zimmer teilen. „Julius ist schon sehr unordentlich“, sagt Wickler und lacht. Aber er kann sich damit arrangieren. Und bei dieser WM muss er dies nur zeitweise. Während Wickler lieber die ganze Zeit im nur zwei Minuten entfernten Teamhotel bleibt, weil seine neue Wohnung in Barmbek noch nicht ganz eingerichtet ist, übernachtet der zwei Jahren jüngere Thole nur an den Tagen vor den Spielen im gemeinsamen Doppelzimmer, ansonsten daheim in Eimsbüttel.
Gerne würde Wicker noch dreimal neben seinem schlampigen Kollegen in Hamburg aufwachen. Dann wären sie zumindest im Halbfinale. ELISABETH SCHLAMMERL