München – Der Transfer-Wahnsinn erreicht Jahr für Jahr neue Dimensionen. Die größte Summe, die für einen Spieler jemals ausgegeben wurde, sind nach wie vor die 222 Millionen Euro von Paris Saint-Germain für den brasilianischen Superstar Neymar. Mittlerweile ist auch der FC Bayern bereit, für einen Hoffnungsträger die 100-Millionen-Marke bei zu sprengen. Hat der Fußball vollständig die Bodenhaftung verloren? Das Interview mit dem Philosophen und Sportwissenschaftler Gunter Gebauer, 75.
Herr Gebauer, im Juli 2015 prophezeiten Sie, dass die Transfersummen schon bald über 200 Millionen Euro steigen würden. Sie sollten Recht behalten: 2017 wechselte Neymar für die irrsinnige Summe von 222 Millionen Euro von Barcelona nach Paris.
Da habe ich offenbar ganz gut getroffen (lacht). So eine Summe lag in der Luft, weil enorm viel mehr Geld in den Fußball gefloatet wurde als zuvor. Es ist aber nie besonders schön, wenn die eigenen Befürchtungen bestätigt werden. Der Neymar-Wechsel war etwas, das ich nicht gerne sehe, weil es dem Fußball nicht gut tun wird. Nun ist der Damm gebrochen! Die Summe für Neymar war damals das Doppelte von dem, was bis dahin die Höchstmarke war. Da fragt man sich: Was steckt dahinter?
Und, was steckt dahinter?
Das war ein Transfer eines Clubs, der kein normaler Club ist. Der Verein heißt Paris Saint-Germain und sieht normal aus, er ist es aber nicht. PSG ist ein Investitionsobjekt des Staatsfonds von Katar. Die enormen Ausgaben konnte der Club mit seinen normalen Einnahmen keinesfalls stemmen, sondern sie wurden vom Staatsfonds aus Katar finanziert. Ein ganz klarer Verstoß gegen die Regeln des Financial Fairplay. Ein zweiter Sponsor hat Geld eingeschossen, aber dieser zweite Sponsor ist niemand anders als ein Ministerium von Katar – derselbe Geldgeber, es sind nur verschiedene Etiketten drauf.
Was hat der Emir von Katar von solch horrenden Ausgaben?
Ich glaube gute Informationen aus dem Nahen Osten zu haben. Von Leuten, die die Situation sehr genau beobachten. Die irrsinnige Neymar-Summe wurde in einer Situation öffentlich, in der Katar außenpolitisch in eine ganz schwierige Lage geraten war – durch die Blockade von Saudi-Arabien. Katar musste befürchten, enorme politische und logistische Probleme zu bekommen. Seitdem kann das Land nicht mehr auf dem Landweg versorgt werden, sondern nur noch auf dem Seeweg. Um auf diese Situation aufmerksam zu machen, hat Katar auf einem ganz anderen Spielbrett, nämlich dem Fußball, einen Coup gemacht. Und der Fußball ist ein Spielbrett, das in der Welt extrem bemerkt wird. Diese These ist nicht von mir, aber ich finde sie zutreffend.
Jetzt soll sich Neymar wieder auf dem Rückweg gen Barcelona befinden.
Wenn er wirklich in erster Linie ein politischer Coup war, hat er seine Schuldigkeit getan. Die Welt spricht seitdem von Neymar. Er füllt die Zeitungen, selbst wenn er verletzt ist oder Ärger mit Damen hat. Obendrein ist er ein exzellenter Fußballer – das sollten wir nicht vergessen. Wenn er auf dem Platz steht, gucken schon mal einige Millionen mehr zu. Das sind Investitionen, die sich ökonomisch vielleicht nicht ganz rechnen, aber Neymar hat auch die Nachfolge von Zlatan Ibrahimovic angetreten, der Paris verzaubert hatte.
Für Fans sind die rasant steigenden Transfersummen längst nicht mehr greifbar. Glauben Sie, dass das Rad irgendwann überdreht ist und die Blase Profifußball platzt?
Den Eindruck habe ich jetzt schon. Wenn sich die Clubs mit den Mitteln finanzieren müssten, die normalen Fußballvereinen zur Verfügung stehen, würde eine Blase platzen – ganz klar. Denn diese Summen sind nicht gegenzufinanzieren, die kann kein Verein auf der ganzen Welt stemmen. Es sei denn, es kommen plötzlich ganz andere Interessen ins Spiel. Wenn Cristiano Ronaldo zu Juventus Turin geht, führt die Spur zu Fiat und der Familie Agnelli. Diese Familie will aus Fiat einen Weltkonzern machen, und die Autos sind gebrauchsfähig und günstig, aber sicher nicht sexy.
Fans sehen auf der einen Seite die gigantischen Summen, auf der anderen den Superstar, der ihren Club verstärkt. Eine Art Rechtfertigung?
Mit Legitimieren hat das wenig zu tun. Es geht darum, ob die Investitionen sinnvoll sind. Der Fußball ist im Moment das Feld der symbolischen Investitionen. Es geht um die Aufwertung einer Marke, das Bekanntwerden, die emotionale Beteiligung der Fans. So etwas ist ganz viel wert, in Geld lässt sich das aber nicht umrechnen.
Uli Hoeneß weist darauf hin, dass seine Bayern mittlerweile gegen Vereine antreten müssen, die von ganzen Staaten finanziert werden. Die Münchner tun sich zunehmend schwer, in diesem Wettbewerb mitzuhalten.
Das liegt daran, dass Uli Hoeneß ein Geschäftsmann ist, der als Vereinsmanager sehr solide gewirtschaftet hat. Er hat den FC Bayern durch klassisches Sportsponsoring zu einem finanziell äußerst potenten Mitspieler gemacht. Aus sportökonomischer Sicht ist es in München eine ganz saubere Situation, für die ich Hochachtung habe. Wenn jetzt Player auf den Markt kommen, die ganz andere Interessen haben, dann ist das unfair einem Verein gegenüber, der nur mit normalen sportökonomischen Mitteln arbeitet.
Glauben Sie, dass der FC Bayern umdenken muss?
Ich hoffe nicht.
Leidet nicht die europäische Wettbewerbsfähigkeit, wenn der FC Bayern bei seinen Mitteln bleibt?
Ein Verein wie der FC Liverpool, der mit viel Geld vernünftig wirtschaftet und einen charismatischen Trainer wie Jürgen Klopp hat, kann zur absoluten Spitzenmannschaft Europas werden. Beim BVB wird eine sehr gute Mannschaft aufgebaut. Ich kann mir vorstellen, dass dort wieder eine zweite deutsche Champions-League-Mannschaft heranwächst. Das ist eben nicht nur eine Frage des Geldes. Wenn man gut investiert, einen guten Trainer und ein gutes Management hat, hat man nach ein paar Jahren Warten womöglich wieder eine Spitzenmannschaft zusammen. Ich bin gespannt, ob das nicht auch in München passiert.
Arjen Robben und Franck Ribéry verlassen die Bayern im Sommer. Damit gehen zwei langjährige Gesichter des Clubs, auch Mats Hummels ist weg. Wie schwer wiegt das?
Das wiegt schon schwer. Plötzlich ist es eine Mannschaft, in der die ganz großen Namen fehlen. Zudem ist ein Enthusiasmus-Faktor weg, wenn Franck Ribéry nicht mehr in der 70. Minute aufs Feld gestürmt kommt und fünf Minuten später ein geniales Tor schießt. Aber ein Club kann so jemanden nicht wer weiß wie lange als Trophäe mitschleppen. Robben und Ribéry sind Spieler, die aus reiner Energie und Kraft die ganze Mannschaft beflügeln können. Das lässt mit dem Älterwerden aber natürlich auch nach. Irgendwann muss man auf den Gedanken kommen, die Jungs auszutauschen. Alles andere wäre reine Symbolpolitik. Der FC Bayern war fair und freundlich zu Robben und Ribéry, sie noch ein Jahr zu behalten.
Wie wichtig wäre vor diesem Hintergrund die Verpflichtung von Nationalstürmer Leroy Sané?
Wenn der FC Bayern diese Investition stemmen kann, wäre das ein großartiger Coup. Sané ist ein deutscher Spieler, der das Zeug hat, ein Weltklassespieler zu werden. Und der FC Bayern braucht im Moment eine Lichtgestalt. Es sind viele gute Spieler dort, aber keine Lichtgestalten – aktuell sieht es eher nach einer Mannschaft im Aufbau aus. Sané hätte in München auch ein Umfeld, in dem er vergöttert werden würde. Aber die Bayern können dafür natürlich nicht in die 200-Millionen-Region vorstoßen.
Zu guter Letzt: Welche Grenze an Ablösesummen wird bis 2021 erreicht sein?
Das kommt darauf, wer noch alles in die Finanzgeschäfte einsteigt. Wenn chinesische Investoren jetzt auf den Gedanken kommen, dass sie in Europa investieren wollen, könnte das den Markt noch einmal sehr stark beleben. In China wachsen enorme Vermögen heran und das Interesse am Fußball ist sehr groß. Ich denke nicht, dass 222 Millionen schon das Ende sind. Wir denken immer, dass es nicht mehr weitergeht, aber mittlerweile haben wir uns an diese Summe gewöhnt und die Preise sind allgemein weiter gestiegen. Mittlerweile erscheinen die 222 Millionen nicht mehr als unsägliche Summe. Die Ur-Sünde ist passiert und es kann gut sein, dass diese Zahl getoppt wird. Es würde mich nicht überraschen, wenn ein Investor kommt und da noch etwas drauflegt.
Interview: Jonas Austermann