Nach Wimbledon-Blamage

So wird Zverev ein ganz Großer

von Redaktion

Daniel Müksch

Verunsichert, mutlos, ohne Konzept: An dem Erstrunden-Aus von Alexander Zverev in Wimbledon gegen die Nummer 124 der Welt gibt es nichts schön zu reden. Das Fiasko gegen Jiri Vesely ist der Tiefpunkt in einer enttäuschenden Saison der aktuellen Nummer 5 der Rangliste.

Und trotzdem: Hohn und Spott gepaart mit Floskeln wie „Aus dem wird nie Einer!“ sind genauso peinlich wie falsch. Zwar offenbarte der Deutsche auch gegen Vesely, wie Zverev ehemalige Nummer 1 der Jugend-Weltrangliste, wieder seine Volley-Schwäche, mangelhafte Platzeinteilung und kaum Variationen auf dem Platz. Doch genau dieses Fehlerpaket zeigt, welches Potenzial in dem Hamburger schlummert. Trotz dieser sichtbaren Schwächen krönte er sich zum ATP-Weltmeister. Kletterte bis auf Weltranglisten-Platz drei. Gewann drei Mastertitel. Elf Einzeltitel insgesamt auf der Tour – das alles mit 22 Jahren. Im Karriere-Duell liegt er gleichauf mit Roger Federer, bei dem Experten in demselben Alter auch eine „Grand-Slam-Blockade“ diagnostizierten. Erst mit 22 feierte der Maestro seinen ersten Wimbledon-Triumph. Bei den Master-Titeln und der Ranglistenposition hat Zverev sogar im Federer-Vergleich die Nase vorn. Wo landet Zverev erst, wenn er seine spielerischen Schwächen beseitigt und die Titelhamster Federer, Nadal und Djokovic abtreten?

Dafür muss der Weltmeister jedoch dringend sein Umfeld neu ordnen. Besonders das Verhältnis zwischen Vater Alexander und „Supercoach“ Ivan Lendl muss geklärt werden. Zuletzt gingen sich beide Alphatiere aus dem Weg. Der eine reiste zu Turnieren an, sobald der andere nicht mehr vor Ort war. In Interviews fallen unüberhörbare Spitzen. In Wimbledon verfolgte Lendl einsam das Match. Das erste Mal überhaupt saß Alexander senior bei einem Grand Slam nicht in der Box seines Sohnes. Egal ob der Vater oder Lendl den Machtkampf gewinnen: Bei dem Talent ihres Schützlings spielt das keine Rolle. Zverev braucht nur einen Coach, dem er blind vertrauen kann.

Ebenso die Frage nach seinem Management. Übernimmt nach dem hässlichen Rechtsstreit mit seinem Ex-Agenten der Federer-Vertraute Tony Godsick oder Bruder Mischa? Oder beide zusammen? Eigentlich auch egal. Hauptsache es kehrt Ruhe ein. Und Zverev kann spätestens mit 23 Jahren richtig durchstarten.

Genau wie einst Roger Federer.

daniel.mueksch@ovb.net

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