Thomas Voeckler gewann die Tour de France nie. Aber er war ein spektakulärer Radrennfahrer. Spezialist für Soloritte und Ausreißversuche. Bei der Tour 2004 nahm er Lance Armstrong einmal über zwölf Minuten ab und fuhr von der sechsten bis zur 15. Etappe in Gelb. Frankreich war verzückt.
Voeckler fuhr für das Team Brioches La Boulangère, eine Großbäckerei. Voeckler, der Croissant-Kurierfahrer. Eine perfekte Werbefigur.
Dennoch: Nach dem grandiosen Voeckler-Jahr stieg der Namensgeber des französischen Rad-Teams aus, es fuhr dann weiter als „Bouygues Telecom“, das ist einer der großen Mobilfunkanbieter Frankreichs. 2011 der nächste Wechsel: Fortan pedalierte die Mannschaft für die Mietwagenfirma „Europcar“, ehe 2016 das Energieunternehmen „Direct Energie“ übernahm.
„Teams im Radsport“, sagt der Publizist Rainer Sprehe, der im von ihm gegründeten Verlag Covadonga hochwertige Bücher zum Thema herausgibt, „sind vergleichsweise kurzlebig, Sie sind nicht an einen Ort und einen Verein gebunden wie im Fußball, sondern lediglich an das Wohlwollen eines Sponsors. Folglich überstehen die wenigsten Mannschaften mehrere Saisons mit einheitlichem Namen.“
Der Radsport bietet eine seltsame Mixtur aus Individual- und Mannschaftssport. Die Tour de France als die berühmteste Rundfahrt war in ihren Anfängen als Einzelrennen konzipiert. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Streckenführung derart strapaziös, dass die Fahrer, die sich die beste Chance auf den Gesamtsieg ausrechneten, Helfer verpflichteten. Urvater des Modells war der Franzose Henri Pepin, der 1906 mit zwei Begleitern antrat. Ab 1909 waren offizielle Werksmannschaften zugelassen, in denen die Rollen von Kapitän und Helfern klar verteilt wurden. Einzelfahrer („Isolés“) gingen zwar weiter an den Start, waren aber chancenlos.
Dass somit früh für Werbung die Tür geöffnet wurde, war nur konsequent. Schließlich war die Tour de France ins Leben gerufen worden, um die Zeitung „L’Auto“, Vorgänger von „L’Equipe“, im Sommer mit verkaufsträchtigem Content zu versorgen. Bei der Tour ging es also immer schon um Kommerz.
Der Radsportweltverband UCI regulierte ihn noch ein wenig. Bis in die 1950er-Jahre hinein erlaubte sie ausschließlich Unternehmen der Fahrradindustrie, dass sie als Betreiber von Rad-Teams auftraten. Es war die Zeit, die Bianchi prägte. Oder Peugeot.
Rainer Spehe erklärt, wie geschickt der französische Konzern seinen Markenauftritt inszenierte. Zunächst war das Trikot in den Firmenfarben Blau und Gelb gehalten, mit zunehmender Verbreitung des Fernsehens stellte Peugeot um auf weiße Hemden mit einem Schachbrettmuster-Streifen um die Brust. „Man kannte das Muster von Zielflaggen und Rallye-streifen im Automobilrennsport“, so Sprehe, „im Schwarz-Weiß-Fernsehen fiel es hervorragend auf.“ 24 Jahre blieb das Peugeot-Trikot unverändert.
Heute ist es – wie in allen großen Mannschaftssportarten – möglich, dass auch Fans sich einkleiden wie die Profis. Im Radsport sind Fans in der Regel diejenigen, die auch mal selbst in den Rennradsattel steigen. Annemarie Hache weiß, was die Fans tragen. Im sächsischen Rathmannsdorf betreibt sie den „Trikotexpress“, den weltweit größten Versandhandel für Radsportbekleidung. „Meine Erfahrung ist, dass die Kunden sich nicht wegen des Sponsors für ein Trikot begeistern, sondern wegen des Designs.“ Und klar: „Sportlicher Erfolg bringt eine Mannschaft ins Gespräch.“ Annemarie Hache fällt bei der Bearbeitung der Bestellungen auf, „dass sich die Fans und Hobbyfahrer meist nicht nur mit einem Trikot, sondern dem ganzen Outfit – auch Hose, Handschuhe, Socken, Cap – ausstatten und auch noch die jeweiligen Team-Trinkflaschen kaufen.“
Und so radeln bunte Fan-Karawanen durch die Lande. Oft wissen sie gar nicht so genau, für wen sie Reklame fahren. Denn seit die UCI das Gebot aufhob, dass nur Radhersteller Teams haben dürfen, kann alles beworben werden. Im Profi-Radsport tauchte daher jedes denkbare Produkt auf: Italienische Möbel (Molteni, der Rennstall, den man immer noch mit Eddy Merckx, dem wohl Größten aller Zeiten, verbindet), Hörgeräte (Phonak), Milch (Milram), Feuerzeuge (BIC), Kaugummi (Brooklyn), Fernsehprogramme (Discovery, Sky). Banken, Finanzdienstleister, Versicherungen, Lotterien (durch Radsport berühmt geworden: Once, die spanische Blindenlotterie), die amerikanische Post (US Postal mit Lance Armstrong). Aktuelle Produkt-Exoten sind Mitchelton, eine südafrikanische Winzerei, Quick-Step (Laminatböden) und Bora-hansgrohe aus Deutschland. Einen Küchengeräte- und einen Armaturenhersteller bringt man zunächst nicht mit Radsport in Verbindung.
Allerdings: Betrieben wird Bora-hansgrohe wie die meisten Rennställe nicht von der Firma direkt. Der Rennstall hinter Bora heißt „Ralph Denk pro cycling GmbH“, die „Abarca Sports S.L.“ bestimmt die Geschicke von Movistar, „SA Vendée Cyclisme“ stellt die Mannschaft, die einst mit Thomas Voeckler für eine Großbäckerei und nun für einen Mineralölkonzern (Total Direct Energie) radelt. Aufgekommen sind in den vergangenen Jahren Rennställe, bei denen Staaten mitmischen. Kasachstan will sich mit dem Astana-Team internationale Achtung verschaffen, Bahrain geht es – wie Katar mit seinem Fußball-Engagement – um „White Washing“, um eine Imagekorrektur.
Zurückgezogen hat sich Sky, das nicht nur Sponsor, sondern auch Betreiber seines Teams war, das wegen der sportlichen Dominanz und der damit verbundenen Doping-Verdachtsmomente von Zuschauern angefeindet wurde. Nun fährt der Rennstall auf das Ticket von Ineos, einen britischen Chemiekonzern, der sich bei den ersten Rennen auch schon Protesten ausgesetzt sah. Ineos ist wegen seiner Fracking-Aktivitäten umstritten.
Den größten Radsport-Skandal verbindet man nach wie vor mit der Schweizer Uhrenfirma Festina. Vor zwanzig Jahren wurden die systematischen Dopingpraktiken im Team publik. Doch die Geschäfte des Namensgebers litten darunter nicht, wie Marketingdirektor Roger Flury bereits 2005 in einem Interview bilanzierte: „Es konnte eine signifikante Steigerung des Bekanntheitsgrades und des Absatzes registriert werden.“
Annemarie Hache verkaufte das Trikot „mit der großen Uhr“ ebenfalls gut. Sie wartet nun auf das Geschäft, das die Tour 2019 bringt. Ihre bisherige Jahres-Hitliste lautet: Bora-hansgrohe, Sky, Trek-Segafredo. Movistar, Team Ineos. Deceuninck Quickstep, Groupama-FDJ. Und die Wertungstrikots werden weggehen: gepunktet, grün, gelb. Sie sind zeitlos begehrt.