Brüssel – Nur auf einen hatten sie gewartet, die 75 000 Zuschauer auf dem Großen Markt im Herzen von Brüssel. Von Peter Sagan bis Geraint Thomas betrat ein Star nach dem anderen die Bühne, und alle wurden auch höflich beklatscht. Doch sie waren alle nur Vorprogramm für jenen, der sich ganz am Ende der Tour-Präsentation die Ehre gab. Und als dann ein zigtausendfaches „Eddy! Eddy!“ ertönte, war klar: Baron Edouard Louis Joseph Merckx ist in Belgien auch mit 74 Jahren noch der Allergrößte.
„Als ich 1969 die Tour gewonnen habe, hatte ich Gänsehaut. Und die habe ich hier, 50 Jahre später, wieder“, sagte Merckx und ließ sich minutenlang feiern. Die an diesem Samstag in Belgiens Hauptstadt beginnende Frankreich-Rundfahrt ist auch und vor allem dem erfolgreichsten Radsportler der Geschichte gewidmet. Das Goldjubiläum seines ersten Gelben Trikots war ein zentraler Anlass, den Grand Depart der 106. Tour nach Brüssel zu vergeben. Und eine Karriere zu feiern, die ihresgleichen sucht.
525 Rennen hat Merckx gewonnen, fünfmal die Tour de France. Der Tour-Sieg 1969 aber, den Merckx selbst seine größte körperliche Leistung nennt, begründete seine Legende. Die Legende des Kannibalen, des radsportlichen Allesfressers.
Bei ebenjener Großen Schleife vor fünf Jahrzehnten begnügte sich Merckx nämlich nicht damit, sie nur zu gewinnen. Es sollte auch möglichst kein Konkurrent etwas vom Trophäenkuchen abbeißen. Als Merckx am 20. Juli 1969 Paris erreichte (und im Gesamtklassement knapp 18 Minuten Vorsprung besaß), hatte er sechs Etappen gewonnen, sich neben dem Gelben auch das Sprintertrikot, die Bergwertung, die Kombinationswertung, den Preis für den kämpferischsten Fahrer und mit seiner Faema-Mannschaft die Teamwertung geschnappt.
Aus heutiger Sicht eine unvorstellbare Leistung, die es durchaus rechtfertigt, dass am Samstag und Sonntag Hunderttausende an der Strecke daran erinnert werden. „Er ist mein Idol. Sportlich gesehen war er ein Killer. Er wollte alles gewinnen, dafür wurde er geboren. Eddy siegte auf allen Terrains, am Berg, im Sprint, gegen die Uhr. Es war der Höhepunkt dessen, was im Radsport erreicht wurde“, sagte Frankreichs-Radsport-Idol Bernard Hinault. Merckx selbst ist der Trubel nicht unbedingt recht. „Natürlich macht mich das stolz“, sagte er mit Blick auf den großen Brüsseler Bahnhof: „Aber manchmal ist es zu viel, die Selfies und Interviews ohne Unterlass. Es ist schwierig, hier in Belgien Eddy Merckx zu sein.“
In Belgien wird Merckx weitgehend unkritisch gesehen. Und das ist nicht unbedingt gerechtfertigt. Auch die Karriere des Größten ist befleckt: 1969 wurde er unter bis heute dubiosen Umständen wegen Dopings vom Giro ausgeschlossen. Merckx beteuerte seine Unschuld, seine Sperre wurde vor der folgenden Tour – jener, die nun gefeiert wird – aufgehoben.
Zwei weitere positive Tests folgten 1973 und 1977 und spätere Enthüllungen zeigten: Der Kannibale hat in seiner Karriere weit mehr als nur Siege gefressen.