Gibt es einen Dopingfall? Ist der Radsport sauber? Kann man den deutschen Fahrern trauen? Die Fragen vor Beginn der Tour de France wiederholen sich. Eine Antwort hat für mich das vergangene Jahr gegeben. Ein größeres Worst-Case-Szenario, als dass der beste Radfahrer keine weiße Weste hat, ist nicht vorstellbar. Einen positiven Befund gibt es bisher nicht, aber mit rechten Dingen ist die Angelegenheit um Christopher Froome nicht abgelaufen. Während der Vuelta 2017 wurde der für England startende Südafrikaner mit einem Wert von 2000 Nanogramm des Asthmamittels Salbutamol pro Milliliter im Urin getestet. Der von der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA festgelegte Grenzwert liegt bei 1000 Nanogramm. Schlüssig erklären konnte Froome das nicht, bestraft wurde er bis heute nicht, ganz im Gegenteil. Bei der letztjährigen Tour durfte er – sogar mit dem Segen der WADA – starten.
Ein Fahrer der zweiten oder dritten Kategorie wäre mit Sicherheit gesperrt worden. Genau das ist das Problem. Ich glaube nicht, dass der Radsport sauber ist, das haben die überführten Fahrer der Operation Aderlass erst kürzlich bewiesen. Aber erwischt werden nur diejenigen, die keinen Schutz haben oder die sich keinen Anwalt leisten können, der Anklagepunkte wegdiskutiert. Deswegen wird es auch in den nächsten drei Wochen keinen Dopingfall geben, und wenn doch, dann nur durch die Nummer 173 des Klassements, die niemand interessiert.
Wie man die jüngsten deutsche Erfolge einsortiert, muss jeder für sich entscheiden. Die grundsätzliche Frage, wie viel Prozent an Leistungsfähigkeit (Blut-) Doping bringt, ist einfach zu beantworten – mindestens zwei bis drei Prozent. Oder mehr. Medikamente oder eigenes Blut, die Reaktion darauf ist individuell nicht genau zu quantifizieren. Und genau diese paar Prozentpunkte können bei der hohen Leistungsdichte darüber entscheiden, ob ein Fahrer einbricht oder nicht.
Ich gestehe dem Radzirkus zu, dass die Professionalisierung bezüglich Material, Trainingssteuerung und Ernährung in den vergangenen Jahren zugenommen hat, aber man muss auch sehen: Die Jungs bringen fast wieder die gleichen Leistungen wie in der Hochphase des Dopings.
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