Würdiger Abschied

von Redaktion

Marcos Baghdatis beendet in Wimbledon seine Karriere – mit Stil und Würde

VON DORIS HENKEL

London – Die letzten Bälle seiner Karriere schlug Marcos Baghdatis auf Court No. 2, und dieses Spiel wird er ebenso wenig vergessen wie alles, was nach dem Matchball passierte.

Wie er auf die Knie fiel und den Rasen küsste, wie er Handtücher, Hemden und Schuhe ins Publikum warf, wie ihn die Leute minutenlang feierten und ihm die Tränen dabei kamen. Dieser rührend schöne Abschied an einem wunderbaren Tag passte zu Zyperns bekanntestem Tennisspieler, der nach 16 Jahren und 622 Spielen als Profi beschlossen hatte, nun sei es genug.

Als er hinterher gefragt wurde, wie er den Leuten gern im Gedächtnis bleiben würde, da lag er ziemlich richtig, als meinte: „Ich denke, dass man sich an mich als einen glücklichen, amüsanten Menschen erinnern wird – so, wie ich eben bin. Das Größte für einen Athleten ist doch, respektiert und geliebt zu werden, und das hab ich von den allen bekommen. Das ist das größte Geschenk.“ Sachlich betrachtet könnte man feststellen, dass dieser sonnige Typ aus der Diaspora mit seinen Erfolgen dafür sorgte, dass Tennis inzwischen in seinem Heimatland Zypern nach Fußball die populärste Sportart ist. Vier Titel gewann er im Laufe seiner Karriere, gehörte eine Weile lang zu den Top Ten, aber es ist vor allem die Art, wie er spielte – oder im Zweifelsfall auch mal Schläger demolierte: geprägt von Leidenschaft und Lebensfreude, mit der er alle begeisterte. Dem großen Publikum fiel der immer etwas rundlich wirkende Typ von der Insel zum ersten Mal auf, als er bei den Australian Open 2006 völlig überraschend das Finale erreichte. Es war damals die unglaubliche Geschichte von einem, der keine Grenzen kennt und auf einmal alles für möglich hielt. Zwei Sätze lang spielte er im Finale gegen Roger Federer wie ein Riese, nicht er wirkte nervös, sondern Federer.

Doch dann dreht der Favorit auf und gewann. Federer erzählte dieser Tage in Wimbledon, Baghdatis habe immer die Mentalität eines Siegers gehabt, habe die große Bühne geliebt. „Und abseits des Platzes war er ein liebenswerter Typ, immer lustig und unkompliziert; einer, den man gern um sich hatte.“ 2006 war das größte Jahr des Sonnenscheins, nach dem Erfolg von Melbourne erreichte Baghdatis das Halbfinale in Wimbledon gegen Rafael Nadal und stand ein paar Wochen später bei den US Open in New York mit einem nicht ganz unbekannten Gegner im Mittelpunkt eines denkwürdigen Spiels. Dieser Gegner namens Andre Agassi hatte vorher verkündet, die US Open sollten sein letztes Turnier sein.

Es wurde ein donnerndes Drama in fünf Sätzen, in dem Baghdatis nicht nur mit heißem Herzen gegen Agassi, sondern auch gegen 23.000 New Yorker spielte. In dem er Krämpfe überstand und kaum noch stehen konnte, aber am Ende doch verlor.

In seiner Autobiografie „Open“ beschrieb Agassi, der damals wegen massiver Rückenschmerzen auch in bescheidener körperlicher Verfassung war, eine Szene nach dem Spiel, wie er und Baghdatis in der Umkleidekabine völlig erledigt nebeneinander auf zwei Massagetischen lagen. Wie der eine dann die Hand ausstreckte und der andere in wortloser Übereinstimmung diese Hand ergriff.

Was Agassi nach dem Spiel über seinen Gegner sagte, stimmte an diesem Abend ebenso wie in den Jahren danach, unabhängig von Sieg oder Niederlage. „Er ist einer, der es dir leichter macht zu gehen, denn du siehst, dass das Spiel bei ihm in guten Händen ist.“ Und wie für den Amerikaner hatte Tennis auch für Marcos Baghdatis eine romantische Komponente parat – auch er fand auf dem Tennisplatz die Frau fürs Leben. Seit sieben Jahren ist er mit der ehemaligen Kollegin Karolina Sprem verheiratet, das Paar hat zwei Töchter und erwartet Ende dieses Jahres zum dritten Mal Nachwuchs. Natürlich saß Karolina Sprem – sichtlich schwanger – auf der Tribüne an Court No. 2, als ihr emotionaler Mann die letzten Bälle seiner Laufbahn spielte, und natürlich war sie sichtlich gerührt, als er hinterher den Rasen küsste.

Nachdem er alle Schuhe ins begeisterte Publikum geworfen hatte, machte er sich nur auf Socken auf den langen Weg zum Umkleideraum an der Church Road.

Wie das war? „Großartig. Ich bin glücklich, dass ich morgen nicht mehr auf den Platz gehen muss.“ So sieht es aus, wenn eine unglaubliche Geschichte in schönster Form zu Ende geht.

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