London – Selbst mit dem Abstand von drei Jahrzehnten kommt einem das Bild fast unwirklich vor. Es war der 9. Juli 1989, als Stefanie Graf und Boris Becker abends in der Flügeltür der Südwestseite des Centre Courts standen und die wichtigsten Trophäen der Tenniswelt präsentierten, die sie gerade innerhalb weniger Stunden gewonnen hatten. Hätte es damals schon mobile Telefone mit integrierten Kameras und soziale Netzwerke gegeben, dieses Bild hätte sicher eine millionenfach die Runde gemacht. Es gab in den achtziger und neunziger Jahren, der großen Zeit des deutschen Tennis, viele Feiertage, aber nie davor oder danach einen wie diesen.
Wegen schlechten Wetters in den Tagen zuvor spielten beide am Sonntag um den Titel, zuerst Graf, die wie im Jahr zuvor in drei Sätzen gegen Martina Navratilova gewann. Es war ihr siebter Titel bei einem Grand-Slam-Turnier und der zweite in Wimbledon. Sie stand schon fast zwei Jahre lang an der Spitze der Weltrangliste, hatte allerdings ein paar Wochen zuvor im Finale der French Open eine höchst überraschende Niederlage gegen Arantxa Sánchez Vicario kassiert und erlebte den zweiten Sieg in Wimbledon deshalb mindestens so intensiv wie den ersten im Jahr zuvor.
Boris Becker kehrte an diesem 9. Juli mit Verve in sein geliebtes Wohnzimmer zurück. Nach den ersten beiden Siegen als ungestümer Teenager in den Jahren ´85 und ´86 gewann er nun zum ersten Mal als Mann, und dieser dritte Sieg hatte auch deshalb eine besondere Bedeutung, weil er das Finale im Jahr zuvor gegen Stefan Edberg verloren hatte. Diese Niederlage habe ein Jahr lang verdammt weh getan, gab er damals zu, aber die Art, wie er an diesem späten Nachmittag alles an sich riss, entschädigte für vieles. In kaum mehr als anderthalb Stunden rollte er über das Spiel des Schweden hinweg und gewann 6:0, 7:6, 6:4.
Für die deutschen Berichterstatter in Wimbledon wurde es ein Tag der Herausforderung. Die wortreichen Girlanden über Grafs zweiten Wimbledon-Titel waren kaum druckreif, da hatte Becker schon den ersten Satz 6:0 gewonnen, und der Stress ließ in den folgenden Stunden kaum nach. Einzelsieger aus einem Land, das hatte es in der Geschichte Wimbledons öfter gegeben, sogar in romantischen Verbindungen wie anno ´74, als Chris Evert und Jimmy Connors gewannen, die damals vorübergehend verlobt waren.
Graf und Becker kannten sich seit ihrer Kindheit, ihre Heimatorte Brühl und Leimen liegen keine 20 Kilometer auseinander, und bei Lehrgängen liefen sie sich bald über den Weg. Zum Verdruss von Becker, der zwar anderthalb Jahre älter war, aber als einer der Schlechteren der Jungen oft mit der Besten der Mädchen spielen musste, und das war nun mal die sehr früh sehr zielstrebige Stefanie Graf.
Beim traditionellen Champions’ Dinner im Savoy Hotel ließ er sie und die ganze Gesellschaft eine Weile warten. Graf erschien pünktlich, trug ein schulterfreies weißes Kleid mit Applikationen von schwarzer Spitze und wurde zur Begrüßung herzlichst vom britischen Altmeister Fred Perry geküsst. Becker kam mehr als eine Stunde später, aber es war ja ein langer Tag gewesen. „Ich bin stolz darauf, dass hier zwei (deutsche) Fahnen an der Wand hängen“, sagte Graf in ihrer kleinen, wohlkomponierten Rede, „es ist schön, dass auch Boris Becker am Tisch sitzt. Ein tolles Gefühl, auch wenn er ein bisschen spät kam. Glauben Sie mir, wir kommen nächstes Jahr wieder.“ Daraus wurde allerdings nichts. Beim Champions’ Dinner 1990 wurden Stefan Edberg, der Becker zum zweiten Mal im Finale besiegt hatte, und Martina Navratilova geehrt, Graf hatte im Halbfinale gegen die Amerikanerin Zina Garrison verloren.
Die Ereignisse von damals mit jenen von heute zu vergleichen bringt allerdings nichts; andere Zeiten, andere Spieler, andere Umstände. Natürlich ist es nicht ausgeschlossen, dass man noch einmal zwei deutsche Einzelsieger im All England Club zu sehen bekommt. Angelique Kerbers Sieg im vergangenen Jahr (sowie der Einzug ins Finale 2016) und das Potential von Alexander Zverev machen dies vorstellbar. Nur eines wird sicher nicht mehr passieren: Ein doppelter Sieg an einem Tag. Seit zehn Jahren wird der Centre Court von einem beweglichen Dach beschützt, und seither hat der Wettergott kaum noch was zu melden in den letzten Tagen des Turniers.