London – Er geht auch auf die 30 zu wie viele der Kollegen, die in Wimbledon wieder erfolgreich sind, doch in gewisser Hinsicht fühlt sich Guido Pella wie ein Kind. Wann immer er Zeit dazu hat, gönnt er sich einen Besuch in Disneyland, ob in Orlando, Paris oder anderswo, und es gibt keinen Disneyfilm, den er nicht kennt.
Aber auch die Realität kommt dem Mann aus Argentinien dieser Tage ziemlich bunt und aufregend vor. Nachdem er in der zweiten Runde den Finalisten des Vorjahres besiegt hatte, Kevin Anderson, legte er im Achtelfinale gegen den Finalisten des Jahres 2016 nach, Milos Raonic. Beim Sieg in fünf Sätzen ging dem Kanadier nach eigenem Bekunden die Puste aus, Pella hingegen überstand am Ende selbst die frustrierende Tatsache, die ersten drei Matchbälle vergeben zu haben.
Die zahlreichen weiblichen Fans des Argentiniers waren entzückt, und er selbst sah so aus, als könne er sein Glück kaum fassen. Nun sollte man sich zwar nicht wundern, wenn ein Spieler vom Ranglistenplatz 26 im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers landet, aber dass es ausgerechnet dieser Tage in Wimbledon passiert, kommt Pella nahezu märchenhaft vor. Das letzte Turnier, bei dem er mehr als ein Spiel gewann, waren die BMW Open in München Anfang Mai, und bei zwei Rasenturnieren vor Beginn der Championships ging er leer aus. Als er die Auslosung für Wimbledon mit Anderson und Raonic als potenziellen Gegnern sah hielt er seine Aussichten für eher begrenzt, aber nun gehört er zum ersten Mal in seiner Karriere zu den besten acht eines Grand-Slam-Turniers. Und vielleicht ist ja noch mehr drin.
Pellas Gegner an diesem Mittwoch ist keiner der drei Favoriten – Novak Djokovic, Roger Federer und Rafael Nadal -, sondern Roberto Bautista Agut, Nummer 22 der Welt. Zuletzt begegneten sich die beiden in München, der Spanier gewann, doch das spielt jetzt keine Rolle mehr. Wenn das Spiel der beiden in London beginnt, wird es daheim in Argentinien früher Morgen sein, und zu den Leuten vor den Bildschirmen dürfte sicher auch der beste Tennisspieler des Landes gehören, Juan Martin del Potro, der diesmal in Wimbledon wegen einer erneuten Operation fehlt und aufbauende Nachrichten sehr gebrauchen kann. Bedenkt man, dass es in Argentinien keine Rasenplätze gibt – das jedenfalls sagt Pella -, dann ist die Bilanz der Männer aus Südamerika beim größten Rasenturnier der Welt gar nicht schlecht: David Nalbandian spielte beim Titelgewinn des Australiers Lleyton Hewitt 2002 im Finale – es war der letzte Titelgewinn eines anderen vor Beginn der Ära Federer/Nadal/Djokovic/Murray. Drei Jahre später noch mal im Viertelfinale, del Potro landete 2013 im Halbfinale und verlor dramatisch in fünf Sätzen wie im Viertelfinale 2018 gegen Rafael Nadal. Pella und Bautista Agut spielen um einen Platz im Halbfinale mit der nicht ganz unwahrscheinlichen Aussicht, dort dem Titelverteidiger zu begegnen.
Damit gehören sie ebenso zur Gruppe der Herausforderer der Favoriten wie der Amerikaner Sam Querrey und Kei Nishikori in der unteren Hälfte des Tableaus. Querrey, Halbfinalist vor zwei Jahren, spielt gegen Rafael Nadal, den er in der letzten gemeinsamen Begegnung schlug, Nishikori fordert Federer heraus, und auch er gewann die letzte gemeinsame Begegnung, bei den ATP Finals 2018.
Gewinnt Roger Federer die Partie, wird es sein hundertste Sieg in Wimbledon sein. Bei den Männern gibt es keinen, der damit konkurrieren könnte, bei den Frauen schon: Martina Navratilova häufte in 31 Jahren 120 Siege an. Bei allem Optimismus, was die weitere Anwesenheit des Schweizers betrifft – mit 120 könnte es schwierig werden. Aber Hauptsache, hier und jetzt ist alles in Ordnung. Nach einem Sieg gegen den Italiener Matteo Berrettini meinte Federer, das sei so ein Spiel gewesen, in dem er das Gefühl gehabt habe, was immer er tue, es werde ohnehin funktionieren. „Du stehst da und denkst: Es kann nichts passieren. Du schlägst einen Winner, und das machst du immer und immer wieder. Alles ist irgendwie rosarot, eines der besten Gefühle, die du auf dem Platz haben kannst.