Den Haag – Es ist der größte Schlag gegen die weltweit organisierte Doping-Kriminalität. Bei der Anti-Doping-Razzia in Europa, den USA und Kolumbien sind europäische Sicherheitsbehörden in 33 Ländern gegen den Handel mit Anabolika und gefälschten Medikamenten vorgegangen. Bei der „Operation Viribus“ seien rund 3,8 Millionen Dopingmittel – darunter allein 24 Tonnen Steroidpulver – und gefälschte Medikamente sichergestellt, 17 organisierte Banden enttarnt sowie 839 Verfahren eingeleitet worden, teilte die europäische Polizeibehörde Europol mit.
Die Substanzen seien sowohl online als auch in Fitnesscentern oder illegalen Läden verkauft worden. „In den vergangenen 20 Jahren hat der weltweite Handel mit Anabolika dramatisch zugenommen“, so Europol. Konsumenten seien vor allem „Fitnesscenter-Süchtige“ sowie Bodybuilder. Der Verkauf dieser Mittel an Hobby- und Freizeitathleten sowie ambitionierte Seniorensportler ist ein Milliarden-Geschäft.
„Wir lernen aus dem Fall, dass es offensichtlich einen großen Markt gibt. Nur wenn es einen großen Markt gibt, werden Importe und Strukturen dieser Art aufgebaut“, sagte Mario Thevis, Chef des Doping-Analyselabors in Köln. Valide Zahlen, wie groß die Zahl der Freizeit- und Hobbysportler in Deutschland ist, gibt es nicht. Sicher ist, dass es einen großen Bedarf am Konsum der leistungssteigernden Mittel gibt.
Denn bei der Razzia haben die Polizeifahnder auch in Deutschland zugeschlagen. 463 Verfahren sind eingeleitet worden, Festnahmen hat es nach Angaben des Zollkriminalamtes in Köln aber nicht gegeben. Auch wenn man am Anfang der Ermittlungen stehe, dürften sich diese vor allem gegen Freizeitsportler richten, sagte die Sprecherin des Kölner Zollkriminalamtes, Ruth Haliti.
Ein Hinweis, dass bei der „Operation Viribus“ auch der Spitzensport ins Visier genommen wurde, ist die in der Europol-Mitteilung angegebene Zahl von 1357 Doping-Kontrollen (Blut- und Urintests), die veranlasst wurden.
An dem Einsatz unter Federführung der italienischen und griechischen Polizei war auch die WADA beteiligt. Der deutsche WADA-Chefermittler Günter Younger zeigte sich zufrieden mit den Ergebnissen und der Einbeziehung der Agentur. Diese Zusammenarbeit bringe echte Resultate und könne einen bedeutenden Einfluss auf die Verfügbarkeit verbotener Substanzen haben. „Wir stehen bereit, um diese Art von Rolle in einer jeglichen, andauernden Operation fortzusetzen“, sagte Younger.
Von Politik und Sportverbänden wurde die Aktion einhellig begrüßt. Doch: Der immense Schlag gegen die internationale Doping-Mafia ist kein Erfolg auf Dauer. „Die Dopingindustrie in ihrer Gänze ist natürlich noch viel größer“, erklärte der Doping-Experte Fritz Sörgel. Wenn man 234 Leute festnehme und 17 Gruppen des organisierten Verbrechens bezichtige, dann sei das bemerkenswert. „Nur wird das – wie in der Drogenszene auch – nach einer gewissen Zeit weggesteckt. Und dann geht das Spiel halt von neuem los“, meinte Sörgel.
Aktuell laufen auch Doping-Ermittlungen im Spitzensport. Ende Februar hatte das österreichische Bundeskriminalamt im Zuge der „Operation Aderlass“ bei der nordischen Ski-WM in Seefeld mehrere Personen festgenommen. In Deutschland steht dabei der Erfurter Sportarzt Mark Schmidt als mutmaßlicher Drahtzieher eines vermuteten Netzwerks im Mittelpunkt der Ermittlungen. dpa