„Begeisterung ist der Schlüssel zum Erfolg“

von Redaktion

Ferrari-Teamchef Mattia Binotto über Vettel, die Situation der Scuderia – und die Perspektiven

Herr Binotto, ist der Job als Ferrari-Teamchef schwieriger oder nicht so schwierig, wie Sie sich ihn zuvor vorgestellt haben?

Weder noch. Ich genieße ihn einfach nur. Weil ich jetzt das ganze Bild vor Augen habe. Ich habe aus der Vergangenheit eine Menge von verschiedenen Teamchefs lernen können. Von der Art, wie sie ein Team führten. Jetzt liegt es an mir, das Team noch besser zu machen und es weiterzuentwickeln. Ganz wichtig ist es, immer die Nähe zu den Fahrern zu haben. Für mich ist es eine Aufgabe, die sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Es ist eine Aufgabe, die manchmal auch schwierig ist, besonders wenn man nicht gewinnt. Man muss sich aber der Situation stellen und entsprechend mit ihr umgehen. Wichtig ist immer dafür zu sorgen, die Motivation aufrechtzuerhalten. Das ist bei uns aber der Fall.

Sie wirken immer so ausgeglichen und ruhig. Wie gehen Sie mit dem ganzen Stress um?

Für mich ist es ganz wichtig, immer zuzuhören. Und immer nach vorne zu schauen, nicht nach hinten. Ich habe dazu einige Stichpunkte niedergeschrieben. Zum Beispiel: „Redet miteinander, Fehler sind erlaubt. Habt Spaß an der Arbeit.“ Stabilität, Vertrauen, Leidenschaft – das alles sind Schlüsselfaktoren. Aber das heißt nicht, dass wir es akzeptieren, nicht zu gewinnen. Als Überschrift der einzelnen Punkte könnte man sagen: „Über allem steht das Team!“. Aber das Team ist noch sehr jung im Vergleich zu den Konkurrenten. Das erfordert eine gewisse Geduld.

Übrigens: Haben Sie Ihr Büro selbst eingerichtet? Ich sehe ein Foto von Enzo Ferrari, ein Lenkrad eines alten Formel-1-Ferraris, eine Zeichnung eines Formel-1-Motors aus den Sechzigern.

Ja, das war ich. Das ist mir wichtig. Denn Ferrari feiert in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag als Firma. Das heißt, man muss einerseits die Tradition wahren und gleichzeitig in die Zukunft schauen. Die nächsten 90 Jahre planen. Das ist Ferrari für mich. Die Bilder symbolisieren die große Geschichte, die Ferrari hat.

Sebastian Vettel ist seit 2015 bei Ferrari. Wie schwierig ist es, ihn davon zu überzeugen, dass er Geduld haben muss mit dem jungen Team?

(lächelt): Es ist sich nicht einfach für ihn, keine Frage. Er hat seinen Traum und wir unterstützen ihn dabei, diesen Traum zu verwirklichen. Er muss seine Rolle verstehen, die er in dem Neuaufbau des Teams hat. Und er versteht sie. Seine Rolle ist sehr wichtig für mich. Weil er viel Erfahrung hat, weil er große Kapazitäten hat. Er ist einerseits ein Teamplayer, auf der anderen Seite aber auch eine Führungspersönlichkeit mit große Begeisterung für seine Arbeit. Er genießt seine Arbeit auch, wenn er nicht gewinnt, was nicht so einfach ist. Aber er weiß, dass diese Begeisterung ein Schlüssel ist für das zukünftige gewinnen. Und er weiß: Niemand von uns kann alleine gewinnen, das können wir nur alle zusammen. Das Team ist die Basis.

Wie kann man sein Verhalten besonders in der momentanen Situation beschreiben?

Er ist immer konzentriert und fokussiert, was unsere Ziele betrifft. Er weiß: Er kann dem Team am meisten helfen, wenn er die bestmögliche Leistung bringt.

Was denken Sie, wenn er wie in Montreal voller Wut ins Motorhome rennt und später die Platzierungsschilder vertauscht?

Für mich hat er alles richtig gemacht. Er hat auf der Strecke wie ein Löwe gekämpft und war nach dem Rennen total enttäuscht. Er hat seine wahren Gefühle gezeigt, daran ist nichts falsch. Anders ausgedrückt: Ferrari steht sehr für Emotion – und Vettel hat genau diese Emotionen gezeigt.

Besonders vergangenes Jahr musste Sebastian einige Kritik einstecken. Und nach dem Rennen in diesem Jahr in Bahrain, als er sich im Zweikampf mit Lewis Hamilton gedreht hat, auch wieder. Ist die Kritik berechtigt?

Nein. Es waren immer Rennsituationen, bei denen Sebastian am absoluten Limit war, manchmal sogar darüber. Unsere Fahrer müssen gerade im Moment noch risikoreicher fahren, um mitzuhalten. In Kanada beispielsweise war es nicht einfach für Sebastian, vor Hamilton zu fahren, der wahrscheinlich das etwas schnellere Auto hatte.

Wie reden Sie mit ihm nach solchen Rennen?

Wir reden kurz über bestimmte Dinge und schauen dann wieder nach vorne. Die Zukunft ist immer wichtiger als die Vergangenheit. Wichtig ist, dass er spürt, dass wir ihm vertrauen und auf ihn bauen. Und das tun wir.

Sie haben als junger Ingenieur mit Michael Schumacher gearbeitet. Was haben Sie von ihm gelernt?

Als Erstes: niemals aufzugeben. Und wie wichtig harte Arbeit ist. Selbst in den Jahren, als Ferrari vorzeitig den WM-Titel gewann, wollte Michael keinen Stillstand sehen, sondern gleich für die nächste Saison arbeiten.

Erinnert Sie die Arbeitsweise von Sebastian an die von Michael?

Ja. Beide sind Führungspersönlichkeiten. Beide sind Champions. Beide extrem harte Arbeiter.

Sie haben jetzt mit Mick Schumacher Michaels Sohn im Ferrari-Juniorkader …

… ja, das ist ein nettes Gefühl. Wir haben eine Verantwortung. Mick ist erst 21. Wir müssen ihm die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln.

Sie sprechen davon, dass momentan die Zeit etwas schwierig ist, weil Ferrari nicht gewinnt. In Wahrheit gewinnt aber niemand außer Mercedes. Macht es die Sache einfacher, dass ein Team so überlegen ist und man nicht gegen mehrere andere verliert?

Ferrari hat noch nicht gewonnen, stimmt, aber auch, weil wir einige Möglichkeiten ausgelassen haben. Von den Zahlen her, von den Ergebnissen, erscheint Mercedes in der Tat extrem überlegen. Aber der Abstand ist in Wahrheit kleiner. Warum sind wir im Moment nicht vorne? Auch, weil wir in der zweiten Saisonhälfte vergangenes Jahr etwas den Boden unter den Füßen verloren haben. Davon müssen wir uns immer noch erholen. Es braucht noch ein wenig Zeit.

Warum hat man in der zweiten Saisonhälfte im vergangenen Jahr den Anschluss verloren?

Das hat damit zu tun, weil viele unserer Leute noch nicht lange in ihren momentanen Positionen sitzen. Erst wenn man entsprechende Erfahrungen gesammelt hat, kann man da seine Höchstleistung abrufen. Fest steht aber: Wir haben genau die richtigen Leute auf den richtigen Positionen sitzen. Man muss ihnen aber die notwendige Entwicklungszeit einräumen. Das gehört zum normalen Lernprozess dazu. Und noch mal: Wir sind auf einem guten Weg.

Was offensichtlich ist: Von außen betrachtet ist die Stimmung im Team viel besser als vergangenes Jahr …

(lächelt) Was ich sagen kann: In diesem Jahr ist die Stimmung sehr gut.

Interview: Ralf Bach.

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