London – Hätte sich damals wirklich jemand vorstellen können, dass elf Jahre vergehen würden bis zur nächsten Begegnung von Roger Federer und Rafael Nadal auf Wimbledons Centre Court? An jenem 6. Juli 2008, als die Welt des Tennis gerade eines der größten Endspiele ihrer Geschichte gesehen hatte. Reine Spielzeit vier Stunden und 48 Minuten, bis heute das längste Finale der Championships, verlängert durch zwei massive Regenpausen und verdichtet im atemberaubenden Wechsel der Ereignisse.
Es war das Spiel der Spiele zwischen Federer und Nadal in Wimbledon, eine intensive Begegnung auf höchstem Niveau. Schon im Jahr zuvor hatte der Spanier den Glanz des Rasenkönigs angekratzt. 2007 musste Federer nach vier Jahren größter Dominanz zum ersten Mal fünf Sätze spielen, um den Titel zu gewinnen. Und Nadal war hinterher am Boden zerstört; weinend saß er unter der Dusche, kaum zu beruhigen, weil er dachte, er habe die Chance seines Lebens verspielt, den Rivalen in Wimbledon zu besiegen.
Als sie sich ein Jahr später an gleicher Stelle wieder begegneten, fehlten Federer noch zwei Grand-Slam-Titel, um die lange Zeit als goldene Marke betrachtete 14 vom Amerikaner Pete Sampras zu erreichen. Ein paar Wochen vorher hatte er in Paris eine heftige Niederlage gegen Nadal kassiert, hatte in der ersten Hälfte des Jahres nur zwei Titel gewonnen und wollte nichts mehr als die Bestätigung, noch immer der Souverän seines grünen Reiches zu sein. Die Niederlage gegen Nadal traf ihn umso heftiger. Paris sei gar nichts gewesen im Vergleich, sagte er eine Stunde nach dem Finale mit einer Spur von Tränen in den Augen, „das hier ist ein Desaster“.
Er trug einen reichlich biederen weißen Cardigan mit goldenen Streifen am V-Ausschnitt und an der Knopfleiste, der ihn älter aussehen ließ, als er damals war (26). Der fünf Jahre jüngere Nadal wirkte in seiner knielangen Hose, einem ärmellosen Oberteil und seinen langen Haaren noch immer wie ein jugendlicher Pirat, und am Tag des Finales schien die Geschichte einen anderen Dreh zu nehmen. Viereinhalb Jahre an der Spitze der Weltrangliste näherten sich dem Ende; sechs Wochen nach der ersten und einzigen Niederlage gegen Rafael Nadal in Wimbledon verlor Federer die Nummer eins.
Jetzt, elf Jahre danach, sieht die Sache so aus, dass ein anderer souverän an der Spitze der Weltrangliste steht, Novak Djokovic. Federer führt die Liste der Titel bei Grand-Slam-Turnieren mit 20 an, Nadal folgt mit 18, und Djokovic steht bei 15. Alle drei haben Pete Sampras überholt – wer hätte sich das damals tatsächlich vorstellen können? Und bisher machte Titelverteidiger Djokovic in Wimbledon einen äußerst souveränen Eindruck; im ersten Halbfinale an diesem Freitag (Beginn 14 Uhr MEZ) gegen den Spanier Roberto Bautista Agut gilt er als klarer Favorit.
Roger Federer trägt keine Strickjacke mehr auf dem Weg zum Tennisplatz, Rafael Nadals Hosen und Haare sind halb so kurz wie vor elf Jahren, und der Centre Court hat seit vielen Jahren ein Dach – vieles sieht also anders aus. Auch das Spiel der beiden? Der Schweizer sagt über den Spanier, der habe sich so sehr verbessert auf Rasen im Laufe der Jahre. „Er schlägt ganz anders auf als damals und spielt die Punkte viel schneller zu Ende.“ Wobei Nadal findet, das eine habe ja mit dem anderen zu tun. „Weil ich weniger renne, muss ich besser servieren. Vielleicht ist meine Rückhand besser, vielleicht der Volley oder der Slice. Und trotzdem weiß ich nicht, ob mein Niveau von heute besser ist als das von damals.“
Federers wichtigste Entscheidung in der Zeit seit der letzten Begegnung mit Nadal in Wimbledon war sicher der Wechsel zu einem Modell mit einem größeren Schlägerkopf vor fünfeinhalb Jahren. Er sagt, seither könne er leichter Tempo beim Aufschlag generieren, Angriffe mit der Rückhand seien seither leichter, und sein Halbvolley mit der Rückhand sehe auch viel besser aus. Mit dem größeren Schläger gewann er in der späteren Phase seiner Karriere drei Grand-Slam-Titel und landete zudem dreimal im Finale, bekanntlich auch in Wimbledon.
Doch wenn Roger Federer und Rafael Nadal heute Nachmittag zum vierten Treffen auf dem berühmtesten Tennisplatz der Welt erscheinen, zum 40. Duell ihrer Karrieren insgesamt, wird es zumindest am Anfang nicht um Aufschlag oder Rückhand, läuferische Qualitäten und nicht nachlassenden Kampfgeist gehen. Die ersten Momente werden der großen Erinnerung an das Spiel vor elf Jahren gehören. Verbunden mit einem kleinen, sentimentalen Gedanken daran, dass es vielleicht das letzte Treffen der beiden an diesem Ort sein könnte.