Der durch die Hölle ging

von Redaktion

WM-Start eines Leidgeprüften: Wasserspringer Patrick Hausding „wieder im Aufwind“

VON THOMAS LIPINSKI UND JÖRG SOLDWISCH

Gwangju – Normalerweise könnte Patrick Hausding direkt nach dem Aufwachen schlaftrunken einen perfekten Dreieinhalbsalto ins Wasser zaubern. Doch davon war der Olympiadritte im Januar meilenweit entfernt, er konnte sich morgens ohne die Hilfe seiner Freundin nicht mal alleine anziehen.

„Das war die Hölle“, sagte Hausding vor seinem WM-Auftakt vom 1-m-Brett am heutigen Freitag im südkoreanischen Gwangju: „Jede Erschütterung hat mir so viele Schmerzen bereitet. Ich lag abends im Bett und wollte mich am liebsten betäuben. Das Brennen ging den ganzen Arm hinunter bis zu den Fingerspitzen.“

Bei einem Trainingssprung auf dem Trampolin hatte der 30 Jahre alte Berliner die Schraube zu einem falschen Zeitpunkt geöffnet und war auf Kopf und Nacken gelandet. „Es hat im ganzen Körper geknackt“, erinnert sich der Rekordeuropameister. Bündelriss im Rückenmuskel, geprellter Nackenwirbel, neuronale Probleme im rechten Zeige- und Mittelfinger – „drei Wochen war ich komplett ausgeknockt“, berichtet Hausding: „Nach acht Wochen war es plötzlich gut.“

International riss der Vizeweltmeister deswegen in dieser Saison noch keine Bäume aus, doch mittlerweile fühlt er sich „wieder im Aufwind“. Der WM-Vorbereitungslehrgang in China verlief ohne größere Probleme, selbst seine chronischen Knieschmerzen bekommt er dank einer ausgeklügelten Trainingssteuerung in den Griff. Doch dass Hausding wie vor zwei Jahren erneut zweimal aufs WM-Podest springt, ist nicht wahrscheinlich. „Eine Medaille nehme ich mir auf keinen Fall vor, dafür hatte ich zu viele Rückschläge und dafür war auch die Vorsaison einfach zu unterirdisch“, sagt er.

Sein primäres Ziel ist das Erreichen des 3-m-Finals, damit würde er dem Deutschen Schwimm-Verband (DSV) einen Quotenplatz für die Olympischen Spiele 2020 bescheren. Auch im nichtolympischen 1-m-Wettkampf peilt Hausding vorsichtig den Endkampf an. Im 3-m-Synchronspringen will er sich mit seinem neuen Partner Lars Rüdiger, mit dem er bei der EM vor einem Jahr in Glasgow mit Bronze seine allererste Medaillen-Nullnummer gerade so verhindert hatte, „gut in Szene setzen“. Vom Turm springt Hausding seit dem Rücktritt seines Weltmeister-Partners Sascha Klein nicht mehr.

Während Klein längst die Freiheit und das Familienleben genießt, quält sich Hausding noch jeden Tag zum Training. Er erträgt Schmerzen und Verletzungen – weil er ein großes Ziel vor Augen hat: seine vierten Olympischen Spiele in Tokio. „Ich will aus der Historie der Wasserspringer in Deutschland herausstechen“, sagt Hausding.

Mit zwei Olympia-, vier WM- und sagenhaften 30 EM-Medaillen ist der Berliner schon jetzt der erfolgreichste Wasserspringer in der DSV-Geschichte. Dass in Gwangju noch einmal Edelmetall dazukommt, ist zwar unwahrscheinlich. Aber Hausding wird von Bundestrainer Lutz Buschkow nicht umsonst „Kampfschwein“ genannt. Und die „Hölle“ hat er in diesem Jahr bereits hinter sich gelassen.

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