London – Vier Stunden und 57 Minuten lang tanzten die Duellanten auf des Messers Schneide, mal stürzte der eine fast ab, dann der andere, und am Ende, als es die Spannung fast nicht mehr zu ertragen wer, flog ein Ball im hohen Bogen ins Aus und beendete das denkwürdige, ganz und gar verrückte Spiel. Zwei Matchbälle wehrte Novak Djokovic beim Sieg zum 7:6, 1:6, 7:6, 4:6, 13:12 Sonntagabend in Wimbledon gegen Roger Federer ab und gewann damit zum fünften Mal die begehrteste Tennis-Trophäe der Welt, so oft wie einst Bjrön Borg.
Das längste Spiel der Geschichte des Turniers hatte, wie Federer noch auf dem Platz bei der Zeremonie erklärte, alles, was ein Spiel haben kann. Und in manchen Momenten noch ein klein wenig mehr. Leichtfüßig startete Federer. 16 Jahre nach seinem ersten Titelgewinn auf diesem Centre Court aller Centre Courts spielte er zum zwölften Mal im Finale, beobachtet von vielen ehemaligen Größen des Spiels.
Was alle alle Gäste in den nächsten knapp fünf Stunden zu sehen bekamen, steckte voller falscher Fährten und trügerischer Dominanz. Federer war der bessere Mann im ersten, zweiten und im dritten Satz, doch als der dritte beendet war, lag er 1:2 zurück. Im Tiebreak des ersten hatte er einen 5:3-Führung nicht durchgebracht, im Tiebreak des dritten war er zu spät in Schwung gekommen.
Zu einem Zeitpunkt, in dem Djokovic ins Geschehen zurückgekehrt war, aus dem er sich im kuriosen zweiten Durchgang irgendwie verabschiedet hatte. Bilanz nach dem Ende des dritten Satzes: Kein einziger Breakball für den Titelverteidiger, aber eine vielversprechende Führung. Aber gehört es nicht zu den wunderbarsten Attributen des Tennis, dass es nirgendwo eine betonierte Rettungsinsel gibt, sondern dass bis zum allerletzten Moment der Wind jederzeit aus einer neuen Richtung kommen kann? Nicht Djokovic, der nach dem dritten Satz moralisch im Vorteil hätte sein sollen, sondern Federer spielte mit der zweiten Luft und ging schell 5:2 in Führung, ehe er dann selbst zum ersten Mal in der Partie ein Aufschlagspiel verlor.
Als der fünfte Satz begann. sprach die Statistik für den Serben; von vier gemeinsamen Spielen, die über die volle Distanz gegangen waren, hatte er keines verloren.
War die Sache entschieden, als Djokovic mit einem Aufschlagverlust Federers 4:2 in Führung ging? Natürlich nicht. Nicht bei diesen beiden und nicht in dieser Partie, die nur eine einzige Konstante kannte: Das gloriose Wechselspiel. Djokovic zitterte, leistete sich einen Doppelfehler und verlor mit einer im Aus landenden Vorhand dieses Aufschlagspiel; alles wieder in der Reihe.
Mehrfach fehlten dem Titelverteidiger aus Serbien nur noch zwei Punkte zum Sieg, doch wieder reagierte er nervös, als es so aussah, als sei er im Vorteil. Nach einer 40:0-Führung beim Stand von 7:7 gab er sein Aufschlagspiel ab, Federer hatte danach zwei Matchbälle – aber das war natürlich noch nicht das Ende der Geschichte. Beim zweiten versuchte er, die Entscheidung zu erzwingen und griff ohne Deckung an – Djokovic bedankte sich und nutzte zwei weitere Fehler des Schweizers zum erneuten Break.
In den Logen beider Spieler lagen die Emotionen blank – manchmal sogar bei Federers Vater Robert, der aber deutlich gefasster wirkte als die meisten der mehr als 15 000 atemlosen Zuschauer. Nicht zu fassen, das alles. Und wer hätte sich allen Ernstes vorstellen können, dass der in diesem Jahr eingeführte Tiebreak beim Stand von 12:12 ausgerechnet das Finale der 133. Championships entscheiden würde?
Doch schließlich, in den letzten Momenten dieses denkwürdigen Spiels, passierte etwas, womit keiner mehr gerechnet hatte: Der Mann, der als erster klar in Führung ging, kam tatsächlich auch als Erster ins Ziel. Mit dem ersten Matchball für Djokovic endete der Tanz auf Messers Schneide.