Novak Djokovic

Respektiert – aber nicht geliebt

von Redaktion

DANIEL MÜKSCH

Das Fazit kam binnen Sekunden. Roger Federer hatte gerade mit einem Vorhand-Rahmenball Novak Djokovic zu seinem fünften Wimbledon-Sieg verholfen, da prasselten die Kommentare über die Social-Media-Kanäle ins World Wide Web.

Der breite Tenor: Respekt für Djokovic – Trauer um Federer – ihm hätte man den Titel mehr gegönnt. Euphorische Djokovic-Fans? Eine Nadel im sportlichen Heuhaufen.

Auch Boris Becker ist die getrübte Stimmung gegen seinen Ex-Schützling aufgefallen. Nach dem Finale sagte er: „Einen viermaligen Champion musst du ein kleines bisschen mehr respektieren. Die Leute müssen sich jetzt mal der Größe von Novak Djokovic bewusst werden.“

Die fehlende Begeisterung für „Nole“ erscheint paradox. Mit dem epischem Finale hat Djokovic einmal mehr bewiesen, dass er einer der größten Kämpfer der Sporthistorie ist. Doch warum wird die Nummer 1 der Welt trotzdem nicht geliebt, sondern bestenfalls respektiert?

Die Anzahl der Grand-Slam-Siege kann es nicht sein. Fans stehen ihren Lieblingen bei, selbst wenn sie nicht ganz oben in den Statistiken thronen. Bei Andre Agassi stehen acht Grand-Slam-Titel zu Buche. Bei seinem US-Kollegen Pete Sampras 14. Dennoch war Agassi seinem Widersacher immer ein Schritt in der Fangunst voraus.

Federer ist kein Paradiesvogel wie Agassi. Doch für Fans verkörpert der Schweizer den mit offenem Visier angreifenden Gladiator. Gerade in Wimbledon sucht er stets den Weg nach vorne. Im Gegensatz zu Djokovic: Er belauert seine Kontrahenten, wie eine Katze, die heimlich, still und leise um ihre Beute schleicht. Jeden nicht perfekt vorgetragenen Angriff des Gegners bestraft er wie eine gnadenlose Maschine. Zusammen mit seiner phänomenalen Beweglichkeit und seiner wieder erlangten mentalen Stärke macht dieses Paket aus dem Weltranglisten-Ersten ein schier unüberwindbares Hindernis. Doch diese Stärke manifestiert ein Stoppschild vor Fanherzen. Sie wollen einen aktiven Angreifer, der nicht nur reagiert. Jemand, der das Herz – oder den Schläger in die Hand nimmt, um das Duell mit dem Gegenüber zu entscheiden. Das Risiko zu scheitern, stets einkalkuliert. Den Platz verlassen solche Angreifer nicht immer als Sieger. Aber dafür als tragisch-verehrte Helden.

So wie Roger Federer letzten Sonntag in Wimbledon.

Daniel.Mueksch@ovb.net

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