Wie groß muss ein Bundesliga-Kader sein?

von Redaktion

Die schmal besetzten Bayern sind die Ausnahme: Die meisten Clubs beschäftigen mehr als 30 Spieler

München – Es ist ein beliebtestes Spiel im Training: Erste Elf gegen zweite Elf, A gegen B. Der berüchtigte Trainer Max Merkel ließ vor fünfzig Jahren mal eine Variante spielen: Die Nichttrinker gegen die Alkoholiker. Doch in jedem Fall: Es muss eine Partie in Mannschaftsstärke sein. Elf gegen elf.

Damit täte sich der FC Bayern derzeit schwer. Er hat 17 Feldspieler unter Vertrag, von denen einer noch nicht spielbelastbar ist. Trainer Niko Kovac könnte daher allenfalls die erste Elf gegen die zweite Sieben antreten lassen. Auch aus eigenen Fan-Reihen bekommt der Meister Spott ab für diese Unterbesetzung – weswegen Sportdirektor Hasan Salihamidzic sich genötigt sah, die Kaderplanung zu erklären: „Die Idee ist es, flexible Spieler zu haben, die auf mehreren Positionen spielen können.“ Bedeutet: Abkehr vom Prinzip, dass jede Position (mindestens) doppelt besetzt sein müsse. Einer kann auch als Back-up für zwei, drei dienen. Man wolle nicht den Fall schaffen, dass zu viele perspektivlose Spieler da seien und „einer sich als Nummer 25 fühlt“, so Salihamidzic.

Ein neues Denken, speziell für die Bayern, bei denen sich ein üppiger Kader doch leicht rechtfertigen ließe: Kein anderer Verein wird in der Regel so strapaziert mit der Vielzahl an Spielen. Durchaus ein Anlass, 27 Feldspieler zu beschäftigen und nicht 17.

Doch beim FC Bayern gilt auch: Jeder Spieler ist prominent und jeder Prominente, der auf die Ersatzbank muss, eine Geschichte mit Unruhegarantie. Ein schmaler Kader soll also für ein höheres Maß an Zufriedenheit sorgen. Man kann es auch so interpretieren: Trainer Niko Kovac wird es nicht zugetraut, die Mannschaft im Griff zu haben.

Ja, früher gingen alle Clubs mit weniger Personal durch die Saison. Franz Beckenbauer erzählte mal, dass man bei Bayern in den 70er-Jahren mit 15 Mann einen ganzen Monat täglich ein Vorbereitungsspiel bestritten habe. Heute würde das kein Trainer seinen Leuten zumuten – es käme auch zum Aufstand.

Die Faustregel für die Kaderzusammenstellung ist mittlerweile: Drei Profitorhüter, dazu jede Position im Feld doppelt besetzt. Mindestens. Dass dies bei Clubs, die nur in ihrem Ligenwettbewerb stehen, dazu führen kann, dass manche Spieler überhaupt nicht zum Einsatz kommen, liegt auf der Hand. Allerdings geht es den Trainern nicht nur um das Spiel am Samstag oder Sonntag, sondern um die Gestaltung der Woche. Reservisten haben die Aufgabe, für ein niveauvolles Training und eine Konkurrenzsituation zu sorgen. Joachim Löw managte dies während der WM 2014 in Brasilien geschickt. Der Bundestrainer stellte die Verdienste der Spieler heraus, die absehen konnten, dass sie ohne eine gespielte Minute nach Hause reisen würden. So schuf er den Teamgeist als Basis für den WM-Erfolg.

Bei zeitlich begrenzten Turnieren kann man das freilich auch besser aushalten. Außerdem haben FIFA und UEFA für WM und EM die Sonderregelung eingeführt, dass kein Spieler mehr auf die Tribüne muss; die Beschränkung auf einen 18er-Spielkader wurde abgeschafft. So dürfen alle hoffen, dass sich eine Situation für ihren Einsatz ergibt. In den Ligen wird darüber nachgedacht, auf 22 Spieler zu erweitern.

22 oder 23 ist für die Clubs jedoch nicht mehr die Norm. Die Kader sind gewachsen. In Deutschland aufgrund der Vorgabe, dass jeder Verein zwölf deutsche Spieler beschäftigen muss. Für acht Spieler gilt, dass sie „lokal ausgebildet“ sein müssen. Maßgebend ist ein Zeitraum von drei Spielzeiten im Alter zwischen 15 und 21 Jahren. Vier Spieler sollen dem eigenen Verein entstammen, vier können aus einem anderen Club im Bereich des DFB kommen.

Der FC Bayern erfüllt diese Vorgaben mit Leichtigkeit: Thomas Müller, David Alaba und die Torhüter Früchtl und Hoffmann machten ihre Lehre im Club, Manuel Neuer, Sven Ulreich, Niklas Süle, Jerome Boateng, Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Fiete Arp andernorts. Serge Gnabry, als Jugendlicher in England, ist der zwölfte Deutsche. Der Kader 2019/20 des FC Bayern entspricht also bereits den Regalarien.

Clubs, die ihren Kader eher mit ausländischen Akteuren bestücken, füllen die Stellen der „home-grown-players“ auf, indem sie Jugendspielern Profiverträge anbieten. Schnell wächst ein Bundesliga-Kader auf über 30 Plätze an.

Und dann hat ein Club womöglich noch Ladenhüter, die er verleiht, aber die immer zu ihm zurückkommen. Passierte dem FC Augsburg vor zwei Jahren, als er plötzlich auf 38 Verträgen saß und – da der damalige Trainer Manuel Baum auch Jugendspieler mit ins Boot nehmen wollte – mit 46 Spielern ins Trainingslager fuhr. In zwei Bussen.

Bis der FCA in der Winterpause ein paar Spieler wieder verleihen konnte, informierte Baum per Aushang in der Kabine, wer es nicht in den Kader fürs nächste Spiel schaffen würde. Mit allen reden konnte er nicht. Zu viele.

Ein Problem, das Niko Kovac erspart bleiben wird. Wenigstens das. GÜNTER KLEIN

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