Der heutige 22. Juli ist der Jahrestag. Es war damals an einem Sonntag, dass Sportredaktionen in der beschaulichen fußballfreien Zeit in den Ausnahmezustand versetzt wurden. Mesut Özil, den alle aufgefordert hatten, sich endlich mal zu seiner „Causa Erdogan“ zu äußern, von dem aber alle erwartet hatten, dass er weiter schweigen werde, setzte eine Erklärung in die Welt. Über den ganzen Tag verteilt, auf seinen Social-Media-Kanälen, mit einer Reichweite, die die klassischen Medien nicht bieten können. Botschaft an zig Millionen Follower: Wie das Foto entstand (Özil I), Breitseite gegen DFB, Sponsoren, Medien (Özil II), Rücktritt aus der Nationalmannschaft und Frontalangriff auf den Präsidenten Grindel (Özil III).
Wie blicken wir ein Jahr danach auf die Sache? Die erste Reaktion auf die Tweet- und Instagram-Trilogie war an jenem 22. Juli 2018: Das wird Reinhard Grindel nicht überstehen. Tatsächlich ist er nicht mehr im Amt, doch seine Fehler im Umgang mit der Özil-Erdogan-Geschichte waren nicht ursächlich für seinen Sturz, sondern bildeten nur eine Facette im Abbild eines unfähigen Präsidenten. Grindel durfte sogar noch einen Erfolg verbuchen: Die EM 2024 holte er nach Deutschland – gegen die Türkei als Mitbewerber. Davon konnte man in Folge von Özil I, II, III nicht unbedingt mehr ausgehen.
Grindel blieb auf der Strecke, Özil aber ebenso. Mesut Özil ist ein Spieler auf dem letzten Abschnitt seiner Karriere. Hätte er nach der WM im Nationalteam weitergespielt, wäre Bundestrainer Joachim Löw bei ihm im März 2019 wohl genauso vorstellig geworden wie in München bei Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng. Zudem hat Özil sich als Person von seinen (einstigen) Fans weiter entfernt. Die Nähe zu Erdogan, die er in „Özil I“ noch relativiert hatte, betont er inzwischen – als müsste er bewusst Grenzen ziehen. Er setzt es in Szene, dass er sich verletzt fühlt.
Joachim Löw, lange ein bedingungsloser Förderer Özils, findet keinen Zugang mehr. Doch wenigstens die Beziehung Özils zu den früheren DFB-Teamgefährten scheint noch intakt zu sein. Mit dem FC Arsenal ist er auf USA-Reise und dabei auch den Bayern-Spielern begegnet – die übermittelten Bilder zeugen von unverkrampftem Wiedersehen. Auf der Ebene persönlicher Bekanntschaft wirkt die integrative Kraft des Fußballs.
Sonst aber nicht immer. Herrscht im deutschen Fußball Rassismus? Auch diese Frage hat Mesut Özil aufgeworfen, sie steht im Raum. Eine verbindliche Antwort lässt sich nicht finden. Es gibt funktionierendes Multikulti, doch es gab auch ein Länderspiel in Wolfsburg, bei dem deutsche Spieler mit Migrationshintergrund übelst beschimpft wurden. Ein Jahr nach Özil I, II, III ist beileibe nicht alles in Ordnung. Auch ohne Özil nicht.
Guenter.Klein@ovb.net