„Buchmann hat die Fähigkeit zu leiden“

von Redaktion

Coach Dan Lorang über die Willensstärke seines Schützlings, dessen Leistungskurve und bewusste Wortkargheit

München – Das Querdenken, so betont Ralph Denk, Manager des Raublinger Rennstalls Bora-hansgrohe, gehöre zur Firmenphilosophie. Zu den daraus resultierenden Innovationen zählt auch die Verpflichtung des Trainers Dan Lorang. Der 39-jährige Luxemburger, der mittlerweile in Unterwössen im Chiemgau lebt, kommt aus dem Triathlon-Lager. Olympiasieger Jan Frodeno formte er zum Ironman-Sieger. Seit zweieinhalb Jahren macht Emanuel Buchmann unter Lorangs Regie so große Fortschritte, dass er bei dieser Tour de France zum deutschen Hoffnungsträger wurde.

Dan Lorang, worauf haben Sie im Training mit Emanuel Buchmann besonderen Wert gelegt?

Wir sind da wissenschaftlich herangegangen, haben alle sechs bis acht Wochen genau analysiert, was sich durch das Training bei Emanuel verändert. Anhand der Sauerstoffaufnahme, der Laktat- und Kraftwerte haben wir das Training immer wieder individuell angepasst.

Wie hat man sich das vorzustellen?

Das Ziel war, länger am Berg auf einem hohen Niveau mitfahren und Beschleunigungen mit gehen zu können. Da hatte Emanuel große Nachteile. Wir wussten also, dass wir seine Muskelkraft steigern müssen. Es ging darum, dass er in der Lage ist, auf dem Rad ein hohes Drehmoment zu fahren. Wir sind dazu nicht in den Kraftraum gegangen, sondern haben spezielle Trainingsprogramm auf dem Rad entwickelt, bei dem gezielt alle wichtigen Muskelpartien gefordert werden.

Noch ein Beispiel?

Wir haben auch an der maximalen Sauerstoffaufnahme gearbeitet. Das geht zum Beispiel mit einem Intervalltraining, das man 30/30 nennt. Da fährt man 30 Sekunden im Bereich der maximalen Sauerstoffaufnahme, dann wieder 30 Sekunden locker. Das macht man acht Mal hintereinander, macht dann eine Pause und wiederholt diese Serie drei bis vier Mal in einer Trainingseinheit.

Buchmann hat allein in diesem Jahr dreimal in dünner Luft trainiert …

Wir haben das Höhentraining systematisch eingebaut. Zunächst wollten wir nur schauen, wie sein Körper darauf reagiert. Wir haben dann ein Trainingsprogramm zusammengebastelt, das wirklich sehr gut auf ihn zugeschnitten ist.

Wo liegen seine Stärken?

Emanuel kann am Berg relativ lang auf einem hohen Leistungsniveau fahren. Er ist sehr gut bei konstanten Belastungen. Und er hat auch die Fähigkeit zu leiden. Um in ganz große Belastungen zu gehen, braucht er nicht das Rennen – er kann auch im Training leiden. Emanuel ist zwar ein großes Talent, aber keiner, der durch die Decke geht. Was ihn stark macht, ist der absolute Wille, der ihm auch ermöglicht extrem akribisch an sich zu arbeiten.

Gibt es Defizite?

Seine Schwäche sind Tempowechsel, also wenn jemand attackiert oder wenn es darum geht, auf einer kurzen Strecke sehr hohe Wattwerte zu erzielen. Das liegt ihm nicht so, aber wir arbeiten daran.

Offensichtlich mit großem Erfolg. Buchmann hat in diesem Jahr einen großen Leistungssprung gemacht.

Der Sprung ist in den Ergebnissen, aber wir sehen eine ganz normale Weiterentwicklung. Auf diesem Niveau macht eine kleine Verbesserung im Wettkampf eben viel aus. Die Spitzenfahrer liegen mittlerweile ganz nah beieinander. Wenn man zum Beispiel nur 0,1 Watt pro Kilo Körpergewicht mehr fährt, gibt das den Ausschlag, ob man in den Top 10 der Tour fährt – oder eben nicht. Emanuel hat sich konstant weiterentwickelt – und nicht sprunghaft.

Dennoch: Zum Gelben Trikot fehlen ihm nur 2:14 Minuten. Als Gesamtsechster hat er eine hervorragende Ausgangsposition vor den entscheidenden Alpenetappen. Sind Sie von seiner Leistung wirklich nicht überrascht?

Er ist ja schon das ganze Jahr stark gefahren. Wenn ich mir die Leistungswerte anschauen, dann muss ich sagen: Emanuel macht bei der Tour nur das, was er im Training zeigt. So gesehen ist das keine Überraschung.

Wird Buchmann seine Topform in der dritten Tour-Woche halten können?

Momentan spricht nichts dagegen. Ich sehe keine Anzeichen, dass er einbrechen könnte. Er hat sich bei anderen Grand Tours nach zwei Wochen deutlich kaputter gefühlt als diesmal. Das ist ein positiver Unterschied. Die kommenden Bergetappen in extremer Höhe sind aber einfach eine Unbekannte. Emanuel ist zwar auf Höhen über 2000 Meter vorbereitet, aber das sind die anderen sicher auch. Es geht wahrscheinlich darum, wer unter Ermüdung noch eine gewisse Form abrufen kann.

Sie sprechen als Trainer ja täglich mit ihm. Was macht er für einen Eindruck?

Emanuel ist sehr optimistisch, gut drauf und selbstbewusst. Er weiß aber auch, dass er konzentriert bleiben muss und versucht deswegen, sich nicht zu sehr davon beeindrucken zu lassen, was um ihn herum passiert.

Er ist ja in Interviews auffallend zurückhaltend, wirkt fast scheu. Ist das seine Strategie, sich vom Rummel abzuschotten?

Sehr schön, dass Sie es so sehen, denn genauso ist es. Emanuel versucht eben auf diese Weise, sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren. Die Euphorie um ihn herum finden wir zwar super. Aber Emanuel achtet eben darauf, dass ihn das zu sehr beeinflusst und er dann eventuell Fehler macht.

Was trauen Sie Buchmann bei dieser Tour noch zu?

In unserer Kommunikation haben wir eine ganz klare Strategie – und die lautet: Unser Ziel sind die Top 10. Über alles, was mehr ist, freuen wir uns natürlich.

Das Interview führte Armin Gibis

„Emanuel hat sich konstant entwickelt – und nicht sprunghaft“

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