Ein Ende und eine Auferstehung

von Redaktion

Nach der Trennung von Ivan Lendl kommt Alexander Zverev in Hamburg weiter

VON DANIEL MÜKSCH

München – Ob Ivan Lendl während des Viertelfinales von Alexander Zverev am Hamburger Rothenbaum beim Golfen war oder seinen Hund Gassi geführt hat, ist nicht bekannt. Möglich, dass beides auf seinem Tagesplan stand. Zeit genug hat Lendl jetzt wieder. In der Nacht gab der 59-Jährige das Ende seiner Zusammenarbeit mit dem derzeit besten deutschen Tennisspieler bekannt. Und Lendl schoss verbal heftig in Richtung seines Ex-Schützlings: Unterschiedliche Philosophien und zu viel Ablenkung abseits des Platzes – mit diesen Vorwürfen garnierte der gebürtige Tscheche seinen Rückzug aus dem Zverev-Kosmos. Worte eines gekränkten Super-Coaches.

Im Viertelfinale gegen den Serben Krajinovic saß also wieder Zverev senior als alleinverantwortlicher Trainer in der Box seines Sohnes. Und der ehemalige sowjetische Davis Cup-Spieler erlebte eine emotionale Achterbahnfahrt. Eine Stunde lang sah Zverev wie der sichere Verlierer aus. Er spielte desolat und fand überhaupt kein Mittel gegen den soliden 58. der Weltrangliste aus Serbien. 2:6: 2:5 lag der Lokalmatador hinten. Doch wie aus dem Nichts stemmte sich der Deutsche gegen die Niederlage. Er gewann den zweiten Satz mit 7:5 und unter frenetischem Jubel den dritten Satz mit 6:2.

Ein erster kleiner Schritt zurück in die Erfolgsspur. Hamburg wäre der passende Ort für die Auferstehung der großen deutschen Tennishoffnung. In die Hansestadt zogen sein Vater Alexander und Mutter Irina 1991 mit dem vier Jahre alten Sohn Mischa. Sechs Jahre später kam Alexander an der Elbe auf die Welt. Das Projekt Profitennis nahm Fahrt auf. Hamburg blieb dabei immer das Zentrum des Clans. Noch heute besitzt die Familie ein Haus im Stadtteil Lemsahl. 2014 konnte der Deutsche am Rothenbaum mit 17 Jahren und einer Wildcard ausgestattet sein erstes Match in einem Hauptfeld auf der ATP-Tour gewinnen. Den damaligen 51. der Weltrangliste, Robin Haase aus den Niederlanden, fegte der Youngster spektakulär vom Center Court. Unbeschwerte Zeiten, die aktuell wie aus einer anderen Zeitrechnung daherkommen. Vielleicht war der Kraftakt gegen Krajinovic die benötigte Initialzündung für eine Trendwende. Im Halbfinale wartet nun der Georgier Nikolos Bassilaschwili.

Für Alexander Zverev aus dem Jahr 2014 wäre das Halbfinale bei einem ATP-Turnier dieser Güteklasse schon ein schöner Erfolg. Für den Alexander Zverev von 2019 ist das nicht viel mehr als die Rückkehr zur Normalform. Er hat sich andere Ansprüche an seine Resultate erarbeitet. Sein Maßstab ist nicht ein solider Filip Krajinovic – sondern Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic.

Sollte Zverev am Rothenbaum am Sonntag tatsächlich den Siegerpokal überreicht bekommen, wäre dies mehr Standard als Überraschung. Sein Blick muss über den Hamburger Horizont hinaus gehen. Auch wenn das einem „Hamburger Jung“ manchmal schwer fällt.

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