Hockenheim – Die Beziehung kriselt schon seit einer ganzen Weile, und nach diesem Wochenende wird die Formel 1 ihre einstige Hochburg Deutschland wohl erstmal verlassen. Das Interesse der Fans ist erkaltet, das ist eines der Hauptprobleme – fragt man Sebastian Vettel, hat die Königsklasse allerdings auch wenig dafür getan, geliebt zu werden.
„Der deutsche Zuschauer ist ein sehr fairer, direkter und ehrlicher Zuschauer“, sagte der 32-Jährige im Vorfeld des Großen Preises in Hockenheim (Sonntag, 15.10 Uhr/RTL und Sky): „Und einige Dinge, die in unserem Sport passiert sind, waren wohl nicht förderlich für die Beliebtheit der Formel 1.“
Vettel gehört seit Langem zu den Chefkritikern der Königsklasse, er wiederholte seine persönliche Mängelliste nun nicht noch einmal. Bekannt ist sie ohnehin: Besonders die Überreglementierung und der Abschied von den alten, lauten Saugmotoren ließen ihn in den vergangenen Jahren zweifeln. Die moderne Formel 1 sei „nicht mehr der Sport, in den ich mich verliebt habe“, sagte Vettel erst kürzlich, als eine nach seiner Meinung überflüssige Strafe ihn den Sieg in Kanada kostete.
Mit den Hybridmotoren, die bereits seit 2014 im Einsatz sind, wurde er nie so recht warm. Der Turbo-Antrieb mit Elektro-Unterstützung sei „Shit“, sagte er einst: „Am liebsten wäre mir, wir packen einen ordentlichen V12-Motor ins Heck und lassen die Batterien da, wo sie hingehören: im Handy.“ Die Essenz aus Vettels Kritik ist stets: Die Formel 1 achte zu wenig darauf, wie sie den Fans gefallen kann.
Immerhin 65 000 Zuschauer erwarten die Organisatoren in Hockenheim am Rennsonntag, das würde gerade so reichen für eine schwarze Null. Doch darauf war in den vergangenen Jahren zu selten Verlass, teilweise wurde sogar die 50 000er-Marke nur knapp geknackt. Die Traditionsstrecke will und kann dieses wirtschaftliche Risiko nicht mehr tragen, schon das Rennen in diesem Jahr steigt nur, weil Mercedes relativ kurzfristig als Titelsponsor einsprang.
Und so geht Hockenheimring-Chef Georg Seiler „nicht mehr davon aus“, dass die Formel 1 im nächsten Jahr nach Deutschland kommen wird. Zwar sind sich die Fahrer einig: Grundsätzlich ließe sich der deutsche Fan noch begeistern, als Beleg dient das Rennen im vergangenen Jahr, als Vettel aussichtsreich um die WM fuhr: 71 000 Zuschauer sorgten damals für den besten Besuch seit 2005.
„Das war der Beweis, dass der Appetit auf Rennsport noch da ist“, findet Vettel. Und Renault-Pilot Nico Hülkenberg sagt, er habe „eine solche Atmosphäre beim Heimrennen selbst noch nicht erlebt. Deutschland ist ein Autoland, und das Interesse besteht noch.“ Seiler will auch eine Rückkehr nicht ausschließen, es werde über die Jahre nach 2020 sicher Verhandlungen geben.
Die Formel 1 muss nicht lange nach Interessenten suchen. 2020 werden Zandvoort (Niederlanden) und Hanoi (Vietnam) dem Kalender hinzugefügt. Zudem will das US-Unternehmen Liberty Media als Rechteinhaber der Serie mindestens weitere Rennen in den USA etablieren. Selbst wenn sich die deutschen Fans in Zukunft also ganz neu in die Formel 1 verlieben – eine Rückkehr könnte kompliziert werden. sid