Was einen richtigen Bayern ausmacht? Lederhose natürlich, dazu ein Laptop. Bayern ist traditionsbewusst und trotzdem fortschrittlich, so sehen Bayerns Politiker ihr Volk zu gerne. Selbstverständlich gehört zu einem echten Bayern auch das CSU-Parteibuch. Und wenn in der Krachledernen dann noch eine barocke Figur steckt, ist das Bild rund (im wahrsten Sinne des Wortes).
Nachwuchs für den Typus des gemütlichen Bayern mit digitalem Background soll es reichlich geben. Bayerns Schulkinder sind fleißig, schulische Verpflichtungen, dazu die eifrige Weiterbildung an Tastatur und Bildschirm, lassen dann allerdings Grundschülern im Durchschnitt gerade noch eine Stunde Zeit für Toben und Spielen. Dass das nicht reicht, weiß jeder, der mal junge Hunde und Katzen beobachtet hat, die ganz spielerisch ausloten, was der Körper hergibt. Während unsere Kinder mehr und mehr Mühe haben, sich ob ihrer wachsenden Körperfülle morgens aus dem Bett zu wälzen und auf ihren dünnen Beinchen Halt zu finden.
Etwas übertrieben vielleicht, Sportwissenschaftler aber warnen vor einer Zeitbombe. Und Politiker wissen das. Allerdings scheint sich deren Interesse am Sport darauf zu beschränken, sich im VIP-Bereich der großen Arenen und im Glanz erfolgreicher bayerischer Sportler (noch gibt es sie!) zu sonnen, bei feudalen Ehrungen, wie neulich bei der pompösen Verleihung des Bayerischen Sportpreises.
Dabei wirft der Glanz schon mal Schatten, das freundliche Lächeln im Gesicht des bayerischen Sportministers Joachim Herrmann jedenfalls erfror kurzfristig, weil einem Felix Neureuther ausgerechnet zu diesem Anlass nichts Netteres einfällt, als der Politik kräftig die Leviten zu lesen. Aber hat er nicht Recht? Es sei ja schön und gut, wenn sich Kinder Sportler zum Vorbild nehmen, ihm aber geht es ja gar nicht so sehr um Nachwuchs für den Leistungssport, damit sich auch künftige bayerische Politiker mit ihnen schmücken können. Nein, es geht ganz schlicht um die Gesundheit junger Menschen, das sei doch viel wichtiger. Und wird trotzdem so sehr vernachlässigt.
Der Sport, hat Neureuther dem Herrmann ins Stammbuch geschrieben, dürfe nicht nur im Verein gefördert werden, er müsse an den Schulen, wo man alle erreicht, zumindest wieder die Wertigkeit erlangen, die er vor Stoibers Kahlschlag anno 1996 hatte. Hier müssten die Kinder das erfahren, was ihnen Umwelt und Gesellschaft mehr und mehr nehmen. Vielleicht sind ja viele von ihnen deshalb so nervig, weil sie nie auf Bäume klettern konnten, nie ihren Körper austesten und Grenzerfahrungen machen durften. Weil schon in der Vorschule die Digitalisierung Einzug hält. Auf Kosten der Bewegung. Das soll sich ändern, Neureuther, seit knapp zwei Jahren Vater, will richtig lästig werden, das hat er Herrmann versprochen.
Aber sind unsere Kinder denn noch zu retten? Die ersten Sportverbände jedenfalls orientieren sich schon neu, wittern Zuwachsraten vor allem im Spiel an der Konsole. Der Bayerische Fußball-Verband hat sich hier mit der Förderung virtueller Wettbewerbe wie dem BFV eSports Cup schon sein neues Standbein geschaffen für die nahe Zeit, wenn unsere Kids zu schlaff und unbeweglich sind, um sich noch körperlich verausgaben zu können beim realen Kick. Ist doch viel zu anstrengend, viel zu heiß und sowieso ziemlich uncool. Demnächst werden dann wohl die Bundesjugendspiele, ohnehin in der Kritik, am Computer ausgetragen, das Sportabzeichen wird virtuell erworben. Schwimmbäder gibt es sowieso immer weniger, umstrittene Kunstrasenplätze und Sporthallen kann man sich dann auch sparen. Ein richtiges bayerisches Kind braucht keinen Fußball, es braucht einen Laptop. Daran lässt sich dann FIFA 20 spielen, sogar in Lederhose.
Warum Initiativen wie von Felix Neureuther für die Zukunft so wichtig sind