München – In den meisten größeren Städten gibt es ganze Straßenzüge mit Brautgeschäften. Erster Gedanke dazu: Warum alle auf einen Haufen? Die nehmen sich doch die Kundschaft weg! Falsch, entgegnen die Marketing-Experten. Das Zauberwort lautet: Clusterbildung. Der Hochzeits-Aspirant wird diese Straße bewusst ansteuern, weil er sicher sein kann, hier etwas zu finden, er muss nicht von Viertel zu Viertel pendeln. Die Salons mit den weißen Kleidern in der Auslage machen sich zwar weiter Konkurrenz, stärken sich aber auch gegenseitig.
Diesem Prinzip folgte auch das Sport-Wochenende, das ARD und ZDF unter dem Titel „Die Finals“ inszenierten. Deutsche Meisterschaften in zehn Sportarten, um die 200 Titel wurden vergeben. Alles in Berlin. Ein Überangebot, das zu einem Kannibalisierungseffekt führt bei den Zuschauern vor Ort und am Fernsehen?
Die Sportfachverbände, die das Final-Wochenende am Deutschen Olympischen Sport-Bund vorbei direkt mit dem Fernsehen ausgemacht haben, werden zufrieden sein. Es lief ähnlich wie im Winter. Eingeschaltet wird wegen Biathlon und Abfahrtslauf – und man bleibt dann halt auch hängen beim Rodeln und der Nordischen Kombination. Auf den Sommer übertragen: Zugpferd war die Leichtathletik mit ihren Sympathieträgern Gina Lückenkemper und Konstanze Klosterhalfen und Schwimmen mit den frischen WM-Medaillengewinnern – darum herum bestanden dann auch Boxen (lange keinen Amateurkampf mehr gesehen; erstaunlich, wie hart da geschlagen wurde), Bahnradfahren, Sprint-Triathlon. Sogar Stand-Up-Paddling war im Programm, es kam gleich am Samstagmorgen. Sozusagen das Skeleton des Sommers.
ARD und ZDF behandelten den bunten Strauß an Deutschen Meisterschaften wie ein „kleines Olympia“. Olympische Spiele lehnt eine Mehrheit inzwischen ab, weil sie zu groß geworden sind und unnütze Bauten errichtet werden müssen. Das Mini-Format hingegen wird als charmant wahrgenommen, als ursprünglich. Geradelt wird im Grunewald, geschwommen im Wannsee, gepaddelt auf der Spree. Die Fernsehsender stellten sich olympisch auf, da mussten die besten Leute an den Start. Julia Scharf stand morgens am Triathlon-Start und abends im Modernen-Fünfkampf-Ziel, für die Überleitungen war Jessy Wellmer zuständig, auch sie eine der Vorzeigemoderatorinnen.
Die Nachrichtensendungen auf beiden öffentlich-rechtlichen Kanälen spielten auch mit, bauten ausführliche Blöcke von „Die Finals“ ein. Und das ZDF-Sportstudio, das den Sommer über mangels aktuellem Fußball gar nicht gesendet hatte und dem großen Rest des Sports quasi mit dem Arsch ins Gesicht gesprungen war, präsentierte gleich eine Starparade: Klosterhalfen, Köhler, Wellbrock – drei deutsche Sportler von internationalem Rang. Berlin 2019 sollte wie Rio 2016 oder Tokio 2020 sein.
Man kann fragen, ob dabei nicht die Maßstäbe verrutschen, wenn man sonst gar nicht beachteten Sportarten auf nationalem Niveau diese Bedeutung gibt. Im Winter ist man im Weltcup dabei – und nicht bei den Deutschen Zollmeisterschaften. Letztlich legt man den Zuschauer herein: Ein deutscher Beckenschwimmwettbewerb sieht ja vordergründig nicht anders aus als ein internationaler, die Athleten haben einen tollen Body, einer ist der schnellste, um manche Plätze geht es in Hundertsteln. Doch die Einordnung in einen Kontext fehlt. In der Leichtathletik war das 5000-Meter-Solo von Konstanze Klosterhalfen die auch international beachtete Topleistung – doch der Wettkampf, der schon nach weniger als einer Runde entschieden war, auch die größte Farce.
Für die Stars war es ein Dienst an ihrem Sport, dass sie – wie Klosterhalfen aus ihrem Trainingsdomizil in den USA– überhaupt gekommen waren. Sie werteten „Die Finals“ insgesamt auf, taten auch den Randdisziplinen gut.
Florian Wellbrock, das neue deutsche Schwimm-Genie, Weltmeister im Freiwasser wie im Becken, sagte allerdings auch deutlich, dass ihm eine Deutsche Meisterschaft kaum was bedeutet. WM-Medaillen, erklärte er, kommen an die Wand – und all die kleinen und unwichtigen Medaillen in den Schuhkarton.
Als Gast im ZDF-Sportstudio werden viele Wellbrock zum ersten Mal als Person wahrgenommen haben. Das Samstagabendformat ist immer noch eine große Bühne für junge Athleten, man kann auf ihr nur gewinnen. Eigentlich.
Wellbrock war mit Sarah Köhler da, seiner in der gleichen Sparte erfolgreichen Freundin. Die Herzblatt-Einlage geriet allerdings ein wenig kalt, Wellbrock präsentierte sich als Typ, der zum Lachen auf den Grund des Beckens abtaucht und sich für ehrgeiziger und besser hält als die Partnerin. Sie sagte, sie schätze seine Ehrlichkeit.
Bleibt also abzuwarten, ob die beiden zusammen einen Brautladen aufsuchen werden. Auch das ein Eindruck, der hängen bleibt vom großen Fernsehexperiment „Die Finals“.