Washington – Alejandro Bedoya löste sich plötzlich aus der Jubeltraube. Der Kapitän von Philadelphia Union rannte zur Eckfahne, schnappte sich ein Mikrofon am Spielfeldrand und brüllte Worte, die vielen Amerikanern nach den grausamen Taten von Texas und Ohio aus der Seele sprachen: „Hey Kongress, macht jetzt etwas. Stoppt die Waffengewalt. Los geht’s!“
Bedoyas eindringlicher Appell nach seinem Führungstreffer im Duell beim Hauptstadtclub D.C. United (5:1) ging um die Welt. Im Stadion war die Mahnung nicht zu hören, doch die Zuschauer der landesweiten Übertragung von Fox Sports konnten die Entschlossenheit des ehemaligen Nationalspielers während der Partie der Major League Soccer (MLS) deutlich vernehmen.
Die Aktion nach den Anschlägen mit 29 Todesopfern und vielen Verletzten am vergangenen Wochenende führte zu tausenden Danksagungen in den sozialen Netzwerken. „Wow“, schrieb Fußball-Weltmeisterin Megan Rapinoe, eine erbitterte Gegnerin von Präsident Donald Trump, bei Twitter und applaudierte Bedoya.
Bereits zuvor hatte Bedoya die Politiker im sozialen Netzwerk zum Handeln aufgefordert. „Gedenken und Gebete sind Schwachsinn. Worte ohne Taten sind wertlos“, schrieb er und warnte vor einem Verfall der amerikanischen Gesellschaft.
Und der 32 Jahre alte Mittelfeldspieler ließ noch ein paar deutliche Sätze folgen: „Ich schreie diese Heuchler an, damit sie sich zusammenreißen.“ Er werde nicht still dasitzen und 50 Jahre warten, bis etwas geschehe. Im Waffenrecht müsse etwas passieren: „Ich will jetzt Veränderungen.“
Bedoya, dessen Eltern aus Kolumbien stammen, ist der nächste prominente US-amerikanische Sportler, der sich gegen die Politik in den USA mit Präsident Trump an der Spitze auflehnt. Rapinoe hatte sich im Sommer im Rahmen der Frauen-WM in Frankreich eine Schlammschlacht mit dem US-Präsidenten geliefert und immer wieder Rassismus, Homophobie und Geschlechterdiskriminierung angeprangert. Die Basketball-Stars LeBron James und Stephen Curry nutzen ihre Reichweite zur Kritik an Trump, im American Football herrschte nach dem Hymnen-Protest von Colin Kaepernick monatelanger Ausnahmezustand.
Der Profisport ist in den USA alles, aber nicht unpolitisch. In bewegten Zeiten nutzen die Helden vieler Fans ihre große Bühne immer entschlossener, um Druck auf den Führungszirkel auszuüben. So auch Bedoya, der sein Zeichen eigener Aussage nach nicht geplant hatte. Die Schusswaffenangriffe von El Paso und Dayton, die so vielen Menschen das Leben kosteten, seien ihm auch auf dem Spielfeld im Kopf herumgeschwirrt. Dann erzielte er sein Tor in der dritten Spielminute. sid