München – Um die bisherige Arbeit von Niko Kovac als Trainer des FC Bayern gerecht bewerten zu können, empfiehlt sich ein Abstecher nach Hollywood: In seiner Paraderolle als Boxchampion Rocky Balboa erklärt Sylvester Stallone seinem Sohn die Welt: „Im Leben geht es nicht darum, wie viel Du austeilen kannst. Es geht darum, wie viel Du einstecken kannst. Wie viele Schläge Du einstecken kannst und weiter machst.“
Gemäß dieser Formel hat Kovac bei Bayern bereits Großes vollbracht. Er hat schwere (interne und externe) Tiefschläge kassiert, sich dennoch nur kurz geschüttelt und einfach weiter gemacht. Wie zuletzt nach der öffentlichen Zurechtweisung von Karl-Heinz Rummenigge im Transfer-Geschacher um Leroy Sané.
Diese Leidensfähigkeit hat Kovac Respekt auch außerhalb des Bayern-Kosmos eingebracht. Bei den größten Baustellen des Rekordmeisters ist der Trainer in der Diskussion bisher weitgehend außen vor. In vorderster Front steht das Management und Präsidium unter Beschuss. Getreu dem Motto: Was kann der Trainer dafür, wenn seine Vorgesetzten kein adäquates Personal für die eigenen Ansprüche an die Isar locken?
Nach dem 0:2 im Supercup gegen Borussia Dortmund fällt aber auf: Kovac hat es auch ein Jahr nach seinem Amtsbeginn nicht geschafft, für eine neue Energie innerhalb des Kaders zu sorgen. Viele Stars verharren in den Rollen, die sie seit Jahren einnehmen. Martinez, Thiago, Alaba, Müller, Kimmich, Lewandowski – Kovac schnürt diese Spieler fest in sein taktisches Konzept. Eine neue Rolle hat er für sie nur im Notfall parat. So wie für Joshua Kimmich, der gegen Dortmund nach dem sportlichen Totalausfall von Thiago ins Zentrum versetzt wurde.
Kovac verwaltet einen hoch dekorierten Kader, anstatt ihm mit kreativen Schachzügen neues Leben einzuhauchen.
So wie es seiner Zeit Louis van Gaal bei den Bayern initiiert hat. Der unbequeme Niederländer setzte auf die unbekannten Thomas Müller, Holger Badstuber und Diego Contento, die in kürzester Zeit zu Stammspielern wurden und wie im Fall von Müller und Badstuber sogar zu Gesichtern eines neuen Teams avancierten. Bastian Schweinsteiger beorderte van Gaal überraschend ins zentrale defensive Mittelfeld. Hier entdeckte die Nummer 31 eine völlig neue Fußball-Identität. Auch Bundestrainer Joachim Löw hatte – wenn auch spät – den Mut, alte Zöpfe abzuschneiden. Selbst wenn die „neuen Zöpfe“ von ihrer individuellen Qualität noch kein Weltmeister-Format haben, aber verkrustete Strukturen aufbrechen.
Dieses Risiko scheut der Bayern-Trainer derzeit noch. Der 47-Jährige bewahrt das Bewährte. Er lobt junge Talente wie den Neuseeländer Sarpreet Singh, um ihm im gleichen Atemzug seinen Platz in der zweiten Reihe wieder vor Augen zu führen.
Noch bleibt der Kovac im Ring in der Deckung. Weicht den Schlägen seiner Widersacher zwar geschickt aus. Hat aber noch nicht den richtigen Moment für seinen persönlichen Angriff gefunden. Vielleicht weiß Rocky Balboa Rat.