München – Auch als „Single“ läuft es bei Angelique Kerber einfach nicht: Zum Start ihrer Hartplatzsaison verabschiedete sich die 31-Jährige in Runde 1 beim WTA-Turnier in Toronto.
Mit 6:0, 2:6, 4:6 verlor Kerber gegen die Russin Darja Kassatkina. Es war Kerbers erster Auftritt nach ihrer Trennung von Trainer Rainer Schüttler. Zunächst sah es in der Hauptstadt der Provinz Ontario nach einem souveränen Auftritt der Linkshänderin aus. Im ersten Satz gab Kerber kein Spiel ab und schien im achten Duell mit der Russin keine Probleme zu haben. Doch selbst der klare Satzgewinn sorgte nicht für mehr Sicherheit bei der Wimbledon-Siegerin von 2018. Anstatt offensiv das Spiel weiter zu diktieren, spielte Kerber plötzlich nur noch ängstlich und hoch ins gegnerische Feld, hoffte auf die Fehler der Gegnerin. Diesen Gefallen tat ihr Kassatkina nicht.
Das System Kerber wirkt im Jahr 2019 weiter völlig instabil. Kleinste Unsicherheiten genügen und die ehemalige Nummer 1 der Welt verliert ihr Selbstvertrauen und überlässt das Zepter komplett ihren Gegnerinnen.
Dieses Problem hat Kerber selber bereits vor ihrem Auftritt in Kanada erkannt. In Toronto sagte die Kielerin mit Blick auf die Nachteile, ohne Trainer auf der Profi-Tour aktiv zu sein: „Es sind mehr die letzten zwei, drei Prozent, die man vielleicht in den wichtigen Momenten noch rauskitzeln kann.“ Kerbers Schwäche war das Ass im Ärmel ihrer Gegnerin. Kassatkina bemerkte nach ihrem Triumph: „Auch nach dem 0:6 habe ich an mich geglaubt und mir gesagt, ich kann das Match drehen“, sagte die siegreiche Russin. Und weiter: „Das war der Schlüssel und das war, was mir mein Trainer gesagt hat.“ Angelique Kerber konnte in den entscheidenden Situationen niemand etwas mit auf den Weg geben. In ihrer Trainerbox herrschte Leere.
Das wird sich auch erst mal nicht ändern. Sie hat entschieden, auch das nächste Turnier in Cincinnati ohne Trainer zu bestreiten.
Ein Name fehlt aber weiter in Kerbers Gedankenspielen: Boris Becker. Eine (berufliche) Liaison mit dem Ex-Coach von Novak Djokovic schließt Kerber immer noch aus. Gegen Becker sprechen zudem Erfahrungen, die bisherige Kerber-Trainer mit ihr als Arbeitgeberin gemacht haben. Nach Informationen unserer Zeitung kam es in der Vergangenheit immer wieder zu finanziellen Spannungen zwischen der Deutschen und ihrem Personal. So soll die Trennung im letzten Jahr vom belgischen Erfolgscoach Wim Fissette aus finanziellen Gründen vollzogen worden sein. Man konnte sich nicht über Honorare einigen. Immer wieder fällt das Adjektiv „geizig“, sobald in der Tennis-Szene der Name Kerber erwähnt wird. Und Boris Becker wäre mit Sicherheit keine „geizige“ Lösung.
DANIEL MÜKSCH