Jaworzno – Mit gesenkten Köpfen und Tränen in den Augen standen die sechs Radprofis der belgischen Lotto-Soudal-Mannschaft nebeneinander aufgereiht und vor den übrigen 143 Radprofis in Jaworzno an der Startlinie. An Normalität war beim Start der vierten Etappe der 76. Polen-Rundfahrt gestern Nachmittag nicht zu denken. Bei einem tragischen Unfall einen Tag zuvor war der erst 22 Jahre alte Belgier Bjorg Lambrecht auf dem dritten Teilstück des WorldTour-Rennens ums Leben gekommen. Nun mussten seine Teamkollegen wieder ins Renngeschehen eingreifen.
Bei Rennkilometer 48 war Lambrecht am Montag auf regennassem Belag von der Straße abgekommen und gegen eine Betonkonstruktion geprallt. Der 22-Jährige wurde zunächst auf der Straße liegend reanimiert und anschließend im Krankenhaus in Rybnik operiert – erlag dabei aber seinen Verletzungen.
„Bjorg hatte brutales Pech. Er fuhr einfach im Feld, berührte einen Pflasterstein oder einen Verkehrsreflektor oder irgendwie sowas, verlor sein Gleichgewicht und fiel hart“, schilderte Lambrechts Landsmann und Teamkollege Jelle Wallays den Unfall. Nicht mehr als 35 km/h sollen die Radprofis laut Wallays dabei gefahren sein. Noch während der Etappe erfuhren Lambrechts Teamkollegen von der Tragödie. „Die Nachricht über den Unfall von Bjorg kam durch den Kopfhörer. Man hörte, dass Panik ausgebrochen war. Ich wusste sofort, dass es schlimm war“, sagte Wallays.
Der am Vortag nachträglich ausgesprochene Etappensieg von Bora-hansgrohe-Profi Pascal Ackermann geriet zur Bedeutungslosigkeit. „Das Ergebnis spielt keine Rolle“, sagte der völlig geschockte Pfälzer: „Ich war am Boden zerstört, als ich die tragischen Nachrichten gehört habe, und möchte der Familie und den Freunden von Bjorg Lambrecht und allen bei Lotto-Soudal mein tief empfundenes Mitgefühl aussprechen.“
Unfassbar war Lambrechts Tod auch für seinen Teamkollegen und Landsmann Enzo Wouters. „So schnell ändert sich das Leben. Heute morgen noch zusammen gefrühstückt, sechs Stunden später. . . Ruhe in Frieden, Bjorg“, schrieb Wouters auf Twitter mit einem Bild vom gemeinsamen Frühstück. Der deutsche Topsprinter André Greipel, der 2018 noch mit Lambrecht zusammen für Lotto Soudal in einer Mannschaft fuhr, twitterte: „Ich kann nicht glauben, wie tragisch unser Sport sein kann. Meine Gedanken sind bei Bjorgs Familie.“
16 Monate nach dem Tod von Michael Goolaerts verfällt der belgische Radsport erneut in eine Schockstarre. Der 23 Jahre alte Goolaerts verstarb im 8. April 2018, als er während des französischen Frühjahrsklassikers Paris-Roubaix einen Herzinfarkt erlitt.
Neben dem erst 19-jährigen Remco Evenepoel galt Lambrecht als die große Radsporthoffnung der Belgier. „Ruhe in Frieden maatje! Bleib so strahlend, wie du es immer getan hast“, twitterte Evenepoel, der noch am Samstag das Eintagesrennen Clasica San Sebastian gewonnen hatte.
Um „Bjorg unseren Respekt zu zollen“ entschieden die Veranstalter und die Radteams gestern gemeinsam, die vierte Etappe zu neutralisieren und auf 133,7 km zu verkürzen. Lambrechts Kollegen von Lotto Soudal führten das geschlossen fahrende Feld an – alle Teams trugen Trauerflor. dpa/sid