Nachspiel zur WM 2006

Wissen, das mit ins Grab geht?

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Man wird heutzutage in den Städten ja an jeder Straßenecke mit „Breaking News“ konfrontiert, gestern lief auf den Bildschirmen, die am Münchner Hauptbahnhof am Kopf jedes Gleises stehen: „Anklage gegen die Macher des Sommermärchens.“ Die Leute sind abgestumpft daran vorbeigelaufen. Es hätte sie wohl eher interessiert, was jetzt mit dem Knie von Leroy Sané ist.

2006 ist weit weg – und die Vorgeschichte dazu, um die es in der 6,7-Millionen-Euro-Affäre geht, ja noch viel länger her. Und seit der Enthüllung vor fast vier Jahren, dass es kuriose und verschleierte Geldflüsse gab, ist nichts Erhellendes mehr nachgekommen. Waren es Kick-back-Zahlungen, Schmiergelder bei der WM-Vergabe, geheime Wahlkampffinanzierungsmittel für den damaligen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter? Man weiß es noch immer nicht. Und das Interesse der Öffentlichkeit, es zu erfahren, hat nachgelassen. Auch der Betrag wirkt im heutigen Fußball-Kontext nachgerade putzig. 6,7 Millionen – ein Drittel von einem Sané-Jahresgehalt.

Die Justiz darf natürlich nicht so denken. Insofern ist es grundsätzlich eine zu begrüßende Nachricht, dass die Schweizer Bundesanwaltschaft nun Anklage erhebt gegen einige der mutmaßlich Beteiligten. Vielleicht kommt man in der Wahrheitsfindung doch noch voran. Daran muss der Sport Interesse haben, denn es geht für ihn darum, die verloren gegangene Integrität zurückzugewinnen.

Allerdings – und nun kommen die Einschränkungen: Die Bundesanwaltschaft hat mit Michael Lauber, der sich von seinem Spezl, FIFA-Boss Infantino, mit Einladungen zur WM hat bauchpinseln lassen, einen Problembären in ihren Reihen, ist selbst nicht lauter. Und: Die Anklage trifft womöglich nicht die Richtigen. Theo Zwanziger kam erst nach der WM-Vergabe in die DFB-Spitze, Wolfgang Niersbach war Pressechef des WM-Organisationskomitees; da gab es höhere Positionen. Als gesichert gelten darf nur, dass an Horst R. Schmidt nichts vorbeilief. Bestvernetzter Funktionär im DFB.

Wer wohl in Richtung Verjährung davonkommen wird, ist ausgerechnet die Hauptfigur, Franz Beckenbauer. Und auch sein einstiger Adlatus Fedor Radmann, der große Strippenzieher, scheint außen vor zu sein. Die simple Strategie des Schweigens hat geholfen. Kann gut sein, dass – trotz Anklagen – das Wissen, wie es wirklich war, mal mit in die Gräber genommen wird.

Guenter.Klein@ovb.net

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