München – Das Ende des 800-Meter-Finales kam einem doch sehr bekannt vor. Leichten Schrittes spurtete Christina Hering bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften über die blaue Bahn des Berliner Olympiastadions, um dann als Erste die Ziellinie zu überqueren. Seit 2014 läuft die 24-jährige Münchnerin in der deutschen Spitze, fünf Mal eroberte sie seither den nationalen Titel auf der doppelten Stadionrunde. Eine Dominanz mit Seltenheitswert. In der mit 36 000 Zuschauern gefüllten Hauptstadt-Arena genoss Hering ihren Erfolg ganz Besonders: „Die Stimmung war der Wahnsinn“, erzählte die Serien-Meisterin.
Dabei war im ersten Halbjahr so einiges nicht ganz nach Plan gelaufen. Im Februar riss das Außenband im Fuß, im Juni musste sie einen Magen-Darm-Infekt verkraften. Gleichzeitig erwuchs der Läuferin von den Stadtwerken München eine ernsthafte Rivalin im eigenen Lager. Bei den Deutschen Hallenmeisterschaften im Februar in Leipzig musste sich Hering über 800 Meter der Teamgefährtin Katharina Trost, 24, geschlagen geben. Die Winzigkeit von einer Tausendstel trennte die beiden. Und auch vor den Berliner Titelkämpfen wurde die in Freilassing geborene Trost als Nummer 1 der deutschen Jahresbestenliste geführt. In den vergangenen fünf Jahren hatte stets Hering die beste Saisonzeit vorgelegt. „Die Anspannung war entsprechend hoch. Das war ein großer Ansporn“, schilderte sie die neue Konkurrenzsituation.
Dass es aber wieder aufwärts ging mit der Formkurve, demonstrierte Hering bereits im Juli bei der Universiade in Neapel. Hinter der Ozeanienmeisterin Catriona Bisset (Australien) holte sie Silber. „Ich habe mir bewiesen, dass ich zurück bin.“ Bei den Deutschen Meisterschaften stellte Hering am vergangenen Sonntag dann die alte nationale Rangordnung wieder her. Mit 2:01,37 Minuten entschied sie den Endspurt relativ klar für sich, Trost war um 0,31 Sekunden langsamer. „Ich bin schon stolz, dass ich auf den Punkt fit war“, sagte Hering. Es war der einzige Meistertitel, der bei den Leichtathletik-Wettkämpfen in Berlin an München ging, und da die Vereinsgefährtin Mareen Kalis (2:04,81) als Dritte ins Ziel kam, feierten die Stadtwerke München als einziger Club einen Dreifach-Sieg. Das Trio war eine Woche zuvor auch Staffel-Meister über 3 x 800 m geworden.
Doch das soll es für diese Saison noch längst nicht gewesen sein. Christina Herings großes Ziel ist der Start bei der Weltmeisterschaft in zwei Monaten in Doha. Dafür muss sie allerdings noch die A-Norm von 2:00,60 Minuten knacken. Die Formentwicklung stimmt die 1,85 Meter große Mittelstrecklerin optimistisch: „Es geht weiter bergauf. Ich bin überzeugt, dass es klappt.“ Schon am kommenden Wochenende bei der Team-EM in Bydgoszcz/Polen bietet sich die nächste Chance, sich das Doha-Ticket zu sichern.
Zweimal hat Hering bereits an Weltmeisterschaften teilgenommen, zweimal erreichte sie immerhin das Halbfinale. Um es diesmal bis in den Endlauf zu schaffen, müsste sie höchstwahrscheinlich ihre Bestzeit (1:59,54, aufgestellt 2015) verbessern. Doch es spricht für Herings aktuelle Zuversicht, dass sie auch den notwendigen Leistungssprung für möglich hält: „Ich habe es drauf.“
Der Ehrgeiz, das ist aus ihr herauszuhören, lodert immer noch kräftig in Christina Hering, die erstmals 2013 mit Bronze bei der U-23-EM auf sich aufmerksam machte. Und so betont sie auch: „Die Leidenschaft ist weiter da.“ Dabei leistet sie sozusagen ein doppeltes Pensum. Neben dem Training studiert die Sportlerin Management an der TU München. Im kommenden Jahr will sie den Master machen. Und parallel dazu peilt sie den vielleicht letzten ganz großen Höhepunkt ihrer Karriere an. „Ich will natürlich bei den Olympischen Spielen in Tokio dabei sein“, sagt Hering, die im Oktober 25 wird.
Was nach 2020 kommt, ist noch ungewiss. Ihr beruflicher Wunschtraum ist eine Beschäftigung im Management eines Sportunternehmens. Ein finales sportliches Ziel könnten aber auch die European Championships 2022 sein. Heißer Kandidat als Ausrichter ist ihre Heimatstadt München. Hering meint: „Das wäre noch einmal eine tolle Motivation.“