Rottach-Egern – „Ja ist denn heut scho’ Wiesn?“ Festzelt, Kinderspielecke, Torwand, Biergarten, mobile Eisstation, FCB-Fanshop: So präsentiert sich der FC Bayern auf dem Vereinsgelände des FC Rottach-Egern.
Nein, die Wiesn startet erst in sechs Wochen – dafür steht die Bundesliga-Saison in den Startlöchern und Niko Kovac will seiner Mannschaft am Tegernsee den letzten Schliff verpassen. Nach der Werbe-Tour im fernen Amerika steht das Trainingslager in Oberbayern aber auch für die Rückkehr in die weiß-blaue Wohlfühl-Oase. Und das mitten in der Ferienzeit.
Zum ersten öffentlichen Training der Bayern-Stars pilgern über 2000 Fans. Vor allem Familien mit Kindern wollen ihre Idole einmal hautnah erleben. Zeitweise müssen die Zufahrtsstraßen wegen Überfüllung geschlossen werden. Hier darf sich der Starkicker noch als überhöhter Held fühlen und muss sich keinen Fragen nach internationaler Konkurrenzfähigkeit stellen. Im Gegenteil: Als Weltmeister Lucas Hernández den Platz betritt, gibt es spontanen Jubel, nachdem kurz vorher bereits seine Mitspieler den Franzosen mit Applaus empfangen hatten.
Unterhalb des Wallbergs trainiert der 80-Millionen-Verteidiger zum ersten Mal mit seinem neuen Team. Abwehr-Kollege Niklas Süle zeigt sich prompt begeistert vom Auftritt des Franzosen: „Er hat sich als Topspieler gezeigt“, sagt Süle nach der ersten gemeinsamen Einheit. Auch bei der Integration sieht sich der deutsche Nationalspieler in der Pflicht. „Ich versuche mich bei Lucas etwas einzubringen. Ich hatte Französisch in der Schule“, so der potenzielle Nebenmann des Franzosen in der Abwehr.
Ansonsten ist die sportliche Aussagekraft der öffentlichen Übungseinheit überschaubar. Nur das individuelle Training von Alaba, Martinez und Thiago beunruhigt die Fanseele kurz. Aber keiner aus dem Trio ist ernsthaft verletzt. Natürlich betonen die Verantwortlichen, wie wichtig das „konzentrierte Arbeiten“ am Tegernsee ist und „die Zügel nun angezogen werden“, die Reise ins Alpenvorland hat jedoch vor allem Symbolcharakter.
Es ist die Chance, sich den deutschen Anhängern zu präsentieren und nicht nur neue Märkte in Los Angeles, Houston oder Kansas City zu erschließen. Der bayerische Sommer spielt mit und präsentiert sich dementsprechend, so dass der Profi von heute nicht nur emotional sondern auch physisch durchatmen kann.
Dass die Kicker-Seele dabei auch wirklich zur Ruhe kommt, dafür sorgt das Teamhotel – keine drei Kilometer vom Trainingsplatz entfernt. Im Seehotel „Überfahrt“ hat der Rekordmeister eigene Bereiche komplett gemietet. Nach dem FC Basel und Borussia Mönchengladbach ist der Rekordmeister schon der dritte Club, der in dem Fünf-Sterne-Resort vor der neuen Saison gastiert. Mancher Spieler hätte es ins heimische Bett allerdings nicht viel weiter. Manuel Neuer zum Beispiel wohnt auf seinen Anwesen am Leeberg nur vier Kilometer vom Trainingsplatz entfernt – mit unverbautem Blick auf das Teamhotel.
Für Uli Hoeneß ist der Tegernsee ebenfalls ein Heimspiel, wenn auch auf der anderen See-Seite. In Bad Wiesee steht sein Haus. Im letzen Jahr lud der Präsident die Spieler noch zum Grillen in sein Stammlokal, dem Freihaus Brenner ein. Noch ist für dieses Jahr keine Hoeneß-Party angekündigt. Vielleicht sollten alle Beteiligten jedoch einmal darüber nachdenken.
Denn bei der (immer noch) angespannten Stimmungslage beim Rekordmeister sollte jede Chance zur Seelenmassage genutzt werden.