München – Es gibt zwei Arten, wie Daniel Bierofka, der Trainer des TSV 1860, über Sport redet. Wenn er kein Mikrofon unter der Nase hat, spricht er frei, gerne mit Witz, gelegentlich auch sehr kritisch in der Analyse – und manchmal sogar so kritisch, dass man genau versteht, was ihm in seinem Verein gerade nicht gefällt. Wenn er aber ein Mikrofon unter der Nase hat (was recht oft vorkommt), spricht Bierofka, der ehemalige Fußball- und ständige Medienprofi, vorsichtiger, immer noch mit Witz, aber eben diplomatisch und nur so kritisch, dass seine Worte eigentlich keinen treffen (ausgenommen davon sind nur Schiedsrichter).
Am Mittwoch haben Reporter (u.a. einer der „Bild“) Bierofka nach dem Training ein Mikrofon unter die Nase gehalten – doch dieses Mal hat er so deutlich und kritisch gesprochen, wie er es eigentlich nie vor einem Mikrofon tut. Er sagte über die Lage beim TSV 1860: „Das Problem ist, dass alle reden, aber nur einer da ist, der was macht.“ Er sagte über die späten Transfers: „Das mit Timo Gebhart und Aaron Berzel ist über meine Schultern gelaufen.“ Und er sagte noch: „Ich versuche alles zu machen, was möglich ist, nehme die Bedingungen an – und die anderen reden halt.”
Es brodelt in Bierofka – und an diesem Mittwoch ist es aus ihm herausgebrochen. Diejenigen, die seiner Ansicht nach nur reden, hat er nicht beim Namen genannt, es lässt sich trotzdem leicht erraten, wen er meint: Natürlich die stets streitenden Gesellschafter des Clubs, aber eben auch die beiden Geschäftsführer Michael Scharold (Finanzen) und Günther Gorenzel (Sport). Warum ist es so weit gekommen?
Es gibt dafür zwei Erklärungen. Einerseits eine kurzfristige: Am Montag haben die Löwen 0:4 in Mannheim verloren. Vielleicht ist dem ehrgeizigen Bierofka in diesem Spiel noch einmal deutlich vor Augen geführt worden, dass sein zusammengesparter Kader in dieser Drittliga-Saison an seine Grenzen stößt.
Andererseits eine langfristige Erklärung: Im Februar beförderte der TSV 1860 den damaligen Sportdirektor Günther Gorenzel zum Geschäftsführer. Seitdem, so hört man, hat sich die Zusammenarbeit der beiden sportlichen Führungsfiguren sehr verkompliziert. Im Mai, nach einer anstrengenden ersten Drittliga-Saison mit vereinspolitischem Dauerstreit der Gesellschafter (und übrigens leisen Zweifeln am Trainer), überlegte Bierofka ernsthaft, ob er unter diesen Umständen weiterarbeiten will – und ging die Aufgabe in dem Club, der für ihn so viel bedeutet, dann doch mit neuer Motivation an. Im Juli, als das Geld für neue Spieler fehlte, schaltete er sich selbst in die Akquise ein – mehr, als das für einen Trainer üblich ist. In diesem Zeitrahmen entstand bei Bierofka wohl auch das Gefühl, dass er bei 1860 alles selbst erledigen muss – was er jetzt öffentlich sagte.