Reich gegen Sexy

von Redaktion

Berlin hat wieder ein Derby – mit den wirklich in allem gegensätzlichen Union und Hertha

VON GÜNTER KLEIN

München – Drei Geschichten über Union Berlin: Als es dem Verein schlecht ging, spendeten die Fans Blut und gaben das Geld, normal 20 Euro, weiter. Weil das Stadion beim Aufstieg in die 2. Liga nicht alle Vorgaben der DFL erfüllte, legten die Mitglieder selbst Hand an. Und Kult ist jedes Jahr zur Adventszeit, dass man sich an der Alten Försterei versammelt, um Weihnachtslieder zu singen. Union Berlin, „Eisern Union“, ist ein besonderer Verein. Ost-Prägung. Arbeiter-Mentalität.

Hertha BSC Berlin erzählt derzeit nur eine Geschichte: die von Lars Windhorst. Kein Fußballer, sondern ein Investor. Einst das Wirtschaftswunderkind, das mit Kanzler Helmut Kohl posieren durfte, dann ein Pleitier mit einer Serie von Insolvenzen. Aber mit 42 ist Windhorst zurück im Business. Diesmal setzt er auf Sport und hat über die Beteiligungsfirma „Tennor“ 37,5 Prozent Hertha gekauft. Kapitalzufluss in den Klub: 125 Millionen Euro. Später kann Windhorst noch auf knapp die Hälfte aufstocken. Sein Traum: „Die Alte Dame“ soll so hip werden wie ihre Stadt. Ein deutsches Real Madrid oder wenigstens wie einer der großen Vereine aus London, wie Arsenal, Chelsea, die Spurs.

Ein Tabubruch ist Windhorsts Einstieg nicht. Schon die vergangenen fünf Jahre befand Hertha sich in Investorenhand. Die New Yorker Private-Equity-Company KKR (Kohlberg Kravis Roberts) war bei Hertha engagiert. Man ging im Frieden auseinander. KKR hatte den Verein auch immer in Ruhe agieren lassen. Obwohl er im Bundesliga-Mittelmaß feststeckte.

Ob man mit 125 Millionen weit kommt international? Vielleicht verwendet Michael Preetz, die Konstante auf der Manager-Position, die Windhorst-Kohle ja, um das zu halten, was in den vergangenen Jahren an Talenten in die Profi-Mannschaft gespült wurde. Wie Arne Maier, 20, der wohl bald Nationalspieler wird. Wie Niklas Stark, 24. der es schon ist. Der neue Trainer Ante Covic kommt aus dem eigenen Stall und ist Nachwuchskenner. Immerhin: Für Dodi Lukebakio hat man Geld in die Hand genommen, wie das so schön heißt: Der Belgier, der vorige Saison mit Fortuna Düsseldorf mal die Bayern erschreckte, wurde für 20 Millionen Euro von seinem Besitzer FC Watford freigekauft.

Hertha wäre gerne ein bisschen mehr Hauptstadt-sexy, würde auch ein echtes Fußballstadion bauen, das nicht so ausladend ist wie die Olympia-Burg (mit ihrer Laufbahn) und öfter gefüllt wäre. Intimer ist es in Köpenick.

Union gilt als das „St. Pauli des Ostens“, was es aber nicht gerne hört – und in der 2. Liga war das Verhältnis zum Hamburger Kiez-Club auch angespannt. Doch die Rolle ist der St. Paulis ähnlich. Die Anhängerschaft stellt nicht den sportlichen Erfolg über alles, Geborgenheit und Familiensinn sind ihr wichtiger als Punkte und Tabellenplätze, sie gilt als kommerzkritisch und idealistisch. Daher wird sie schweigend in die Bundesliga aufbrechen. Für die erste Viertelstunde des ersten Spieltags ist ein Protest ausgerufen. Weil RB Leipzig kommt, das „Konstrukt“, das Gegenmodell zu einer Gemeinschaft wie Union.

Der Spielplan, so finden die Eisernen, hätte sensibler gestaltet werden können. Ein anderes (aus ihrer Sicht) Terminierungs-Unding konnten sie abwenden. Hertha BSC hatte vorgeschlagen, das erste Derby auf den Jubiläums-Jahrestag des Mauerfalls, den 9. November, zu legen. Das war Union zu plakativ. Die Deutsche Fußball Liga setzte das Berliner Duell eine Woche früher an.

Wie stark der Neuling sportlich ist? Er wird auf seine Heimstärke setzen, auf die besondere Atmosphäre in der „Alten Försterei“, deren Ursprünglichkeit auch gerne Fußball-Touristen aus England genießen. Im Kader finden sich nicht viele bekannte Namen. Kapitän Felix Kroos war in den vergangenen Wochen oft in den Medien, weil er natürlich im Kinofilm über seinen Bruder Toni mitspielte. Seine TV-Auftritte, unter anderem bei Markus Lanz, bereiteten Spaß: Felix ist der witzigere, sympathischere, authentischere der Kroos-Brothers. Er träumt davon, mit Union in die Champions League zu kommen.

Ein Gag. Klar geht es für Union nur um den Klassenerhalt. Doch das Projekt geht man mit einer in der 2. Liga gewachsenen Mannschaft und einem Trainer an, der zum Verein zu passen scheint: Der Schweizer Urs Fischer ist der Hauptmann von Köpenick. Mit dem Ex-Dortmunder Neven Subotic und dem Stuttgarter Christian Gentner hat er zwei Bundesliga-Schlachtrösser bekommen. Für den Kampf um Berlin. Ost gegen West – das auch, aber nicht nur.

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