Ewald Lienen vom FC St. Pauli, so etwas wie das gute Gewissen des Fußballs, hat sich nun auf die Zeitschrift „Sport-Bild“ gestürzt. Sie hat vergangene Woche berichtet, dass Bakery Jatta, der für den Hamburger SV spielt, vielleicht anders heißt, ein bisschen älter ist als angegeben und wahrscheinlich nicht erst in Deutschland in einen Fußballclub geraten ist, sondern schon in Gambia in Vereins- und Verbandsstrukturen eine Ausbildung erfuhr. Lienen übertourt ein wenig, denn Enthüllungen sind ein Business der Medien. Und es ist ja auch eine interessante Geschichte: Der Flüchtende, der sich nach Europa durchschlägt und hier Karriere macht, Anerkennung erfährt. Wenn die Wahrheit abweichen sollte von dem, was bisher als Tatsache galt, sollte das auch erzählt werden dürfen. Die Geschichte von Bakery Jatta oder Bakary Daffeh ist auf den ersten Blick dann halt nicht mehr das Sport-Märchen, als das es bisher verkauft wurde.
Aber die Geschichte birgt nicht den Skandal, den interessierte Kreise aus ihr machen wollen. Der Spieler hat sich nichts erschlichen, er hat im Gesellschaftssystem Fußball, das sich über Leistung definiert, kraft seiner Fähigkeiten und seines Willens einen Platz gefunden. Und der Weg, den er als Nobody (Jatta) gehen musste, war sicher der beschwerlichere als der mit der Referenz eines Nachwuchs-Nationalspielers (Daffeh). Ein Verein kann Profis aus der ganzen Welt verpflichten, im deutschen Fußball gab es sogar schon einen Nordkoreaner, der deutsche U 21-Nationalspieler Mo Dahoud wurde in Syrien geboren, und in jeder führenden Liga Europas trifft man auf Afrikaner, die ihre Teams bereichern. Fußball zieht keine Grenzen, er überwindet sie. Klar: Es bedarf auch Glücks und eines Netzwerks, um in die Transfer-Umlaufbahn zu gelangen – man kann als Talent an vielen Umständen scheitern. Wer, der die Not in Afrika nie erfahren hat, will richten über den Weg, den Jatta/Daffeh genommen hat?
Der Hamburger SV ist oft die Lachnummer, und womöglich hätte er, als Identitätszweifel aufkamen, mit mehr Nachdruck recherchieren müssen. Doch jetzt verhält sich der Club absolut richtig. Solidarisch mit seinem Spieler. „Baka ist ein Junge von uns“, sagen die HSV-Kollegen. Es spielt keine Rolle, welcher Name auf dem Trikot steht, es zählt der Mensch, der im Trikot steckt. Jattas Story ist doch noch ein Märchen geworden.
Guenter.Klein@ovb.net