München – Platz acht ist nichts. Keine Eintrittskarte in einen europäischen Wettbewerb. Nur Mittelfeld. Mittelmaß. Dennoch: Werder Bremen hat Platz acht in der Saison 2018/19 absolut positiv aufgenommen. Eine solche Distanz zu den Abstiegsregionen hatte der Traditionsverein lange nicht mehr genießen dürfen.
Beste Stimmung also: Florian Kohfeldt wurde vom DFB sogar als „Trainer des Jahres“ ausgezeichnet, und Claudio Pizarro schrieb mit seinen 40 Jahren, die ihn nicht am Erzielen von Toren hinderten, die schönsten Geschichten der Bundesliga. Diese eine Saison wird der Peruaner noch anhängen. Mit der Zielsetzung; „Ich will mit Werder Europa erreichen.“
Die Chancen, Siebter, Sechster, Fünfter zu werden, wären gewiss besser, hätte der SV Werder Max Kruse halten können. Bremen war sicher der Standort, an dem der Stürmer mit dem komplizierten Charakter sich am wohlsten fühlte und am besten spielte – umso erstaunlicher sein Drang, sich zu verändern. Und dass er ihn nicht zu einem stärkeren Bundesligisten führte (Dortmund war interessiert), sondern zu Fenerbahce Istanbul. Ins sportliche Austragssstüberl.
Für seine finanziellen Möglichkeiten hat der SV Werder aber den wohl passendsten Ersatz gefunden: Niclas Füllkrug von Absteiger Hannover 96. In der vergangenen Saison fehlte ihm wegen eines Knorpelschadens im Knie fast die gesamte Rückrunde, doch im Jahr davor war er mit 14 Treffern einer der besten Bundesliga-Torjäger – das ist die Empfehlung. Außerdem war er schon mal bei Werder. Er gehört zur grün-weißen Familie.
Ein Zugang von außen ist Ömer Toprak, der bei Borussia Dortmund überzählig geworden war, der traditionell anfälligen Werder-Abwehr dienlich sein könnte. Sogar im Bieten um den Ex-Leverkusener Benjamin Henrichs, 22, vom AS Monaco, war Bremen ernsthaft mit dabei. Der Club, der die Einnahmen aus seinen Jahren in der Champions League mehr ins Stadion als in die Wettbewerbsfähigkeit investiert hatte, ist heute wieder eine solide Adresse.
Nach einigen Trainer-Fehlbesetzungen (Robin Dutt, Viktor Skripnik, Alexander Nouri) scheint es mit dem stets offenen Florian Kohfeldt zu passen – obwohl der so jung ist: 36. Er hat so etwas wie den Robert-Habeck-Chic. Passend zu Werders Farbe: grün. Sehr angesagt.
Werder Bremen ist das Mehr-Generationen-Haus der Bundesliga, kein Kader bietet eine größere Altersspanne. Mit Joshua Sargent, 19, der als Sturmjoker bereits einige Tore schoss, den Eggestein-Brüdern Johannes, 21, und Maximilian, 22, sowie Milot Rashica, 23, hat Werder aufregende Talente, mit Nuri Sahin, 30, Theodor Gebre Selassie und Martin Harnik, beide 32, etabliertes Mittelalter (wobei Harnik gehen dürfte), und mit Pizarro, der im Oktober 41 wird (vormerken!), den Senior der Liga.
Das passt auch insofern zu Werder Bremen, weil es der Verein mit der längsten Bundesliga-Zugehörigkeit ist. Das erste Spiel der neuen Saison wird das insgesamt 1867. sein. Damit überholt Bremen den vor einem Jahr abgestiegenen Hamburger SV. Was sich bei der bekannten norddeutschen Rivalität schon anfühlt wie die Qualifikation für Europa.