Kreuth – Ein Großer des deutschen und des internationalen Rodelsports feiert ein stolzes Jubiläum: Fritz Nachmann aus Kreuth am Tegernsee. Er wird heute 90 Jahre alt und gilt in den Geschichtsbüchern des Sports als ein Pionier der Schlittenfahrer der 50er- und 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Und trotzdem: Nachmann, Nachmann … ??? Nur die Älteren der Rodelgilde und ihrer Anhänger werden sich an diesen Sportler noch erinnern, an seine größten Erfolge – an drei WM-Titel, sechs Deutsche Meisterschaften und eine olympische Bronzemedaille, zwischen 1953 und 1968 – vor 50, 60 Jahren, als Rodeln noch kein Leistungs-, sondern ein Feierabendsport war; als man noch sitzend mit dem Schlitten zu Tal fegte, mit einem Ledergurt lenkte und auch noch nicht windschlüpfrig in einer Kunststoffschale lag, sondern ziemlich aufrecht auf gespanntem Segeltuch saß.
Fritz Nachmann vom RC Rottach-Egern hat Rodelgeschichte geschrieben. Sein Name ist schon verewigt in der Resultatsliste der allerersten Weltmeisterschaft, 1955 in Oslo, am Holmenkollen. Kaum zu glauben – am legendären Hügel des nordischen Skisports existierte einst eine Rodelbahn. „Korketrekker“ wurde sie genannt, ihrer vielen Windungen wegen. In diesem „Korkenzieher“ also gewann Nachmann mit seinem Kreuther Partner Josef „Sepp“ Strillinger 1955 die Bronzemedaille im Doppelsitzer. Vor 64 Jahren.
Gleiches gelang zur gleichen Zeit am gleichen Ort einer gewissen Marianne Bauer, auch vom Rodelclub Rottach, auch Schuhplattlerin. Und seit 1957 Nachmanns Ehefrau. Noch Fragen?
„Zwillinge“ waren das Duo Nachmann/Strillinger übrigens in mehrerlei Hinsicht: Gemeinsam erlernten sie das Zimmererhandwerk; gemeinsam gingen sie im Trachtenverein „d’ Hirschbergler“ schuhplatteln; gemeinsam entdeckten die Burschen schließlich am Wallberg auch den Rodelsport, fasziniert und animiert von Deutschlands mit 6,5 Kilometern längster Naturbahn.
Ob das Rodelduo damals nach dem ersten großen Erfolg in Oslo selber „einen Korken gezogen“ hat, kann nur vermutet werden; historisch belegt jedoch ist, dass die Gastgeber bei der Rodel-WM- Premiere die favorisierte mitteleuropäische Konkurrenz mit drei bis vier Meter langen Lenkstangen (!) überrascht haben und durch Anton Salvesen sensationell den ersten WM-Titel im Einsitzer eroberten. Während Schiffsmakler Salvesen (er demonstrierte dem Autoren dieses Textes das „Stangerl“-Rodeln 1994 vor Lillehammer noch einmal für einen ZDF-Beitrag) am Rodelhimmel eine Sternschnuppe blieb, ging der Stern Fritz Nachmanns danach erst so richtig auf. WM-Bronze von 1955 folgten noch stolzere Auszeichnungen. Die Nachmann-Erfolgsstatistik: 1957 Davos: Doppel-Weltmeister mit Josef Strillinger. – 1958 Krynica: Doppel-Weltmeister mit Josef Strillinger. – 1962 Krynica: WM-Silber im Doppel mit Max Leo (auch RC Rottach-Egern). – 1963 Imst: Weltmeister Einsitzer. – 1967 Königssee: EM-Silber Einsitzer (1. Leonhard Nagenrauft, RC Berchtesgaden). – 1968 Grenoble/Villard de Lans: Olympisches Bronze im Doppelsitzer mit Wolfgang Winkler.
Olympia 1968 in Grenoble war die Krönung und das Finale einer 20-jährigen Laufbahn. „Diese Medaille war wie ein großes Geschenk. Sie war meine schönste“, sagt Nachmann, „nachdem ich vier Jahre vorher auf die Schnauze gefallen war“. So drastisch beurteilt der Oberbayer sein (selbst verschuldetes) Pech bei der Olympia- Premiere der Rennrodler 1964 in Innsbruck. Als Weltmeister von 1963 und in elf von zwölf Trainingsläufen jeweils Schnellster, war Nachmann als erklärter Favorit in die Entscheidung gegangen, jedoch gleich im ersten der vier Läufe im Sinne des Wortes „aus dem Rennen geworfen“ worden.
Der Tegernseer hatte seine viel bestaunten schnellen Bronzekufen, eine Spezialanfertigung aus München, entgegen der Gewohnheit zusätzlich erwärmt … oder sagen wir’s genau – überhitzt. Er verlor dadurch die Spur und stürzte. Aus der Traum!
Die DDR-Rodler heizten auch, sagt man; aber mit ihren Öllampen gefühlvoller, und sie gewannen durch Thomas Köhler und Klaus Bohnsack Gold und Silber. Zu Bronze fuhr Hans Plenk (RC Berchtesgaden) – auf Bronzeschienen. Wie Nachmann. Nur nicht so riskant.
Noch einem anderen Innsbruck-Mitfavoriten missglückte der Kufenpoker, Josef Feistmantl aus Österreich. Er hatte seine Schienen ausgehöhlt und mit heißem Öl gefüllt. Immerhin wurde er Fünfter und hielt sich zudem mit Gold im Doppel schadlos. Damals 1964, als es noch keine Temperaturbegrenzung gab (das änderte sich allerdings kurze Zeit später).
„Zu meiner Zeit“, blendet der 90-jährige Fritz Nachmann zurück, „gab es übrigens noch keinerlei Verbandslehrgänge oder materielle Unterstützung. Jeder trainierte nach Feierabend für sich: Laufen, Hanteln, Turnhalle. Bergsportfeste waren ein guter Konditionstest.“ Im Winter waren die Wettkämpfe zugleich Bahntraining. „Und egal, ob es nach Garmisch ging, Hahnenklee, Trieberg oder Königssee, – wir fuhren auf eigene Kosten. Ohne Verdienstausfall. Auch für das Schlittenmaterial kam niemand auf. Wir waren wirklich reine Amateure.“
Die Eigeninitiative der Rodler vom Tegernsee, ihr Trockentraining vor 50 Jahren, war seinerzeit ein interessantes Thema für das ZDF. Ungewohnt früh, schon morgens um sechs, hatte sich unser Team zum Drehtermin an einem späten Herbsttag 1967 am „Spitzingsattel“ einzufinden – zum Räderschlitten-Training der Nachmann, Winkler, Köck und Ertelt. Vorbereitung ohne Eis für die Winterspiele 1968.
Auf der nicht abgesperrten Spitzingstraße und bei einem Gefälle von 13 % rasten die Kühnen talwärts. Tempo 70/80 km/h, wenige Zentimeter über dem Asphalt. Auf Räderrodeln der Marke Nachmann-Eigenbau.
Für ein bisschen Geleitschutz und Rückendeckung sorgte Ehefrau Marianne, die im Pkw mit aufgeblendeten Scheinwerfern hinterher fuhr und „absicherte“, am frühen Morgen eines nebligen Tages. Die Schreckmomente, die es bei diesem verwegenen Training mit dem Gegenverkehr gab, der gottlob gering war, haben wir damals aus unserer Film-Reportage herausgeschnitten. Den Rodlern – und auch der Landpolizei – zuliebe. Duldete sie doch augenzwinkernd diese in keiner StVo stehende Variante des Straßenverkehrs.
Unmittelbar nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn folgte Nachmann dem Ruf des Deutschen Bob- und Schlittensportverbandes. Ein Dutzend Jahre, bis 1980, brachte der Tegernseer seine Erfahrung und Leidenschaft als Sportwart ein und – gemeinsam mit Sepp Lenz – als Bundestrainer. Rodeln entwickelte sich immer mehr zu einem Leistungssport. Es war die Erfolgszeit von Josef Fendt und Leonhard Nagenrauft, von Elisabeth Demleitner, sowie der Doppel Hans Brandner/Balthasar Schwarm und Toni Winkler/Toni Wembacher.
Nach den Olympischen Spielen in Lake Placid 1980 machte Nachmann endgültig Schluss mit dem Rodelsport. Notgedrungen. Der Spagat zwischen dem aufwendigen Ehrenamt im Verband und seinem Hauptberuf war zu groß geworden. Denn daheim am Tegernsee war der gelernte Zimmerer schon seit 1957 als Gastwirt tätig. Während seiner gesamten aktiven Zeit übrigens. Deshalb war sein Beiname „Der rodelnde Wirt von der Moni Alm“ keine Übertreibung. Eher eine kleine Werbung fürs Geschäft.
Trotzdem war es ein Glück, dass Nachmann beim sportlich-beruflichen „Doppelleben“ seine resolute Frau Marianne, ausgebildete Köchin, an der Seite hatte: „Sie war meine Chefin.“ 35 Jahre lang waren die Nachmanns Wirtsleute: zuerst auf der „Moni Alm“ auf der Sutten, dann Gastgeber im „Warmbad-Restaurant“ am Tegernsee und schließlich in der „Niederstubn“ von Bad Wiessee. Allzeit beliebte Adressen.
1991 war auch damit Schluss. „Und wir konnten endlich in Ruhe unsere Töchter Christine in Kapstadt und Marianne in Valencia in Spanien besuchen.“ Sissi, die mittlere Tochter, ist am Tegernsee geblieben. Ganz in der Nähe der Eltern, die in Kreuth-Trinis ein schmuckes Häuschen mit Ferienwohnungen haben; wo immer noch à la Marianne gekocht wird und wo „der alte Fritz“ noch immer fast jeden Tag aufbricht, um in der zwei Kilometer entfernten Zimmerei Hagn ein bisschen „zu werkeln“. Weil er „das haben muss“.
Nur an diesem 16. August 2019, seinem 90. Geburtstag, wird der Zimmerer, Gastwirt und Rodler aus Leidenschaft es sich nicht getrauen, aufzubrechen. Das Jubiläum wird zwar diesmal – anders als zuvor – „nur klein gefeiert“; aber dennoch werden eine Menge Gratulanten kommen oder anrufen, alte Weggefährten und Offizielle. Allen voran die Gemeinde Kreuth, die vom stellvertretenden Bürgermeister Wolfgang Rebensburg repräsentiert wird, dessen Tochter Viktoria seit fast zehn Jahren alpinen Lorbeer ins Bergsteigerdorf Kreuth und ins Tegernseer Tal bringt. Wie ein halbes Jahrhundert vor ihr Fritz Nachmann als mehrfacher Weltmeister und Pionier auf dem Rennschlitten.
Wenn der Verfasser am Ende des Artikel etwas persönlich wird, sei es ihm bitte gestattet. Diese Laudatio ist ein Dankeschön an den Jubilar und bemerkenswerten Sportler für die Zeit um 1965. Als der junge ZDF-Reporter die ersten Male zu den Rodlern kam (dann immer wieder, bis heute) und die Tegernseer (wie auch die Berchtesgadener) ihm, dem Preißn, so herzlich offen begegnet sind und ihm das Schlitten-ABC beigebracht haben. Auf Boarisch. Dafür, lieber nun 90-jähriger Fritz Nachmann, noch einmal ein herzliches „Vergelt’s Gott“!