München – Felix Brych, 44, pfeift seit 16 Jahren Bundesliga-Spiele. Der Münchner Schiedsrichter ist außerdem seit 2012 bei großen Fußball-Turnieren im Einsatz und leitete das Champions-League-Finale 2017 zwischen Juventus Turin und Real Madrid (1:4) in Cardiff. Der promovierte Jurist, der beim Bayerischen Fußballverband arbeitet, sieht für die Digitalisierung im Fußball keine Alternative. Er erklärt die Bedeutung der Kommunikation im Spiel und warum er sich manchmal wie im Hamsterrad vorkommt.
Wie bereitet sich eigentlich ein Schiedsrichter auf die neue Saison vor?
Erst mal ist es wichtig, dass man nach der Saison abschaltet, damit man aus der dauerhaften Beanspruchung – in gewisser Weise mit einem Hamsterrad vergleichbar – rauskommt. Das war bei mir in den letzten Jahren nicht so der Fall, weil ich immer bei einem internationalen Turnier im Einsatz war. Dieses Mal konnte ich abschalten, was wichtig ist für Körper und Seele. Dann fängt man wieder an zu trainieren, ähnlich wie ein Spieler. Irgendwann kommt die Theorie dazu. Wir treffen uns zum Trainingslager in Grassau und setzen dann gemeinsam die Grundlagen für die neue Saison auf, sowohl theoretisch als auch praktisch. Dann kommen die ersten Vorbereitungsspiele, die sind nicht nur für die Mannschaften wichtig, sondern für uns auch, um zu sehen, wie die Regeln aufgenommen werden, was es es taktisch Neues gibt.
Es gibt dieses Mal viele neue Regeln und Anpassungen. War die Vorbereitung deshalb zeitintensiver als sonst?
Klar, man muss sich einen Tick länger vorbereiten. Die praktischen und taktischen Auswirkungen in der Spielweise der Mannschaften deuten sich in den Vorbereitungsspielen an und werden an den ersten Spieltagen konkreter. Es gibt jedes Jahr etwas Neues, und deshalb ist die Sommerpause für uns auch Arbeitszeit.
Beginnen wir damit, was in der vergangenen Saison für die meiste Aufregung sorgte: Die Handspielregel, die nun angepasst und präzisiert wurde. Sind damit die Diskussionen vom Tisch?
Auch die modifizierte Handspiel-Regel wird nicht alle Streitfälle lösen. Es wird wieder vereinzelte Diskussionen geben. Trotzdem glaube ich, dass die Anpassung dazu führt , dass einige Fälle klarer sind. Zum Beispiel wurde festgelegt, dass es grundsätzlich ein strafbares Handspiel ist, wenn der Ball an die Hand geht und die Hand dabei über der Schulter ist. Damit werden einige Fälle lösbarer – aber eben nicht alle.
Es hat den Anschein, als ob es viel mehr Handspielsituationen gibt als früher…
Ich glaube , es gibt zum einen mehr Handspiele als früher, egal ob strafbar oder nicht. Das liegt an der Geschwindigkeit des Fußballs, aber auch an der des Balles. Dieser nimmt heutzutage wahnsinnig viel Fahrt auf, und dadurch kommt er öfter an die Hand des Gegenspielers. Und jedes Handspiel erfordert eine Bewertung durch das Schiedsrichter-Gespann. Das macht es für uns anspruchsvoller, weil wir in der Summe mehr Entscheidungen treffen müssen als früher. Und dann werden durch den Video-Assistenten natürlich noch mehr Handspiele herausgefiltert.
Bei der Modifikation der Handspielregel wurden auch die Vereine eingebunden. Ist das eine gute Idee?
Das fand ich ganz gut. Wir haben in der Sommerpause 40 Handspiel-Situationen an die Vereine geschickt und deren Meinung abgefragt. Wir Schiedsrichter hatten die Situationen auch behandelt. Es gab in vielen Situationen mehrheitliche Übereinstimmungen. Das zeigt, dass wir mit der Regel schon sehr nah am Geist des Fußballs sind. Wir haben ja alle das gleiche Ziel: Wir wollen fairen und attraktiven Fußball bieten.
Bei der Beurteilung Ihrer Arbeit auf dem Platz sind Sie ja manchmal auch vom Video-Assistenten in Köln abhängig. Wie kann man die Zusammenarbeit verbessern?
Die Zusammenarbeit verbessert man, indem man gesammelte Erfahrungen auswertet, was wir auch ständig tun. Dieses Thema ist die große Herausforderung unserer Zunft, denn der Fußball braucht den Video-Assistenten, weil der Fußball in vielen Bereichen so schnell geworden ist, dass technische Hilfsmittel erforderlich sind. Die Welt digitalisiert sich – der Fußball auch. Es gibt kein Zurück mehr. Aber der Fußball braucht auch einen Schiedsrichter, einen Menschen, der mit seiner Persönlichkeit, mit Empathie und Fußballsachverstand ein Spiel leitet und dieses in der Balance hält. Und beides, also die Persönlichkeit eines Schiedsrichters und die reinen Fakten, übereinanderzulegen, das ist die große Herausforderung.
Wie fällt Ihre Bilanz nach der zweiten Saison mit dem Video-Assistenten aus?
Ich finde, dass die letzte Rückrunde wirklich ordentlich gelaufen ist. Wir werden – wie gesagt – vermutlich nie alle Situationen zur Zufriedenheit aller Beteiligten lösen können.
Vor allem die Zuschauer im Stadion beklagen bei VAR- Entscheidungen fehlende Transparenz. Sky ist zum Beispiel verlinkt mit dem Videokeller in Köln, kann dem Fernsehzuschauer deshalb schnell Infos geben. Warum geht das für die Zuschauer im Stadion nicht?
In der neuen Saison werden Zuschauer in den Stadien durch einen schnelleren Informationsfluss aus dem Video-Assist-Center mit kompakten textlichen Erklärungen auf den Stadion-Leinwänden bereits während eines relevanten Checks und damit noch während der Überprüfung informiert. Diese Weiterentwicklung wird für gesteigerte Transparenz und schnellere Informationen in den Stadien sorgen.
Wie hat sich die Arbeit des Schiedsrichters mit dem Video-Assistenten verändert?
Das ist meine 16. Saison als Bundesliga-Schiedsrichter. Ich habe schon viele Veränderungen mitgemacht. Wir haben mit Holzfahnenstangen angefangen, dann kamen Signalfahnen, das Headset und jetzt die größte Veränderung mit dem Video-Assistenten. Man muss sich eben immer wieder auf neue Gegebenheiten einstellen. Ich finde es spannend, wenn sich etwas verändert.
Kommen wir wieder zu den neuen Regeln. Erstmals können Trainer Gelbe und Roten Karten gezeigt werden. Für Diskussion sorgt die im Raum stehende Sperre der Schiedsrichter nach der vierten Gelben Karte. Die DFL will einen entsprechenden Antrag bei der Generalversammlung am 21. August stellen. Erzieht man damit Trainer wirklich?
Ich habe das Gefühl, dass dieses Thema viel heißer gekocht als später auf dem Platz gegessen wird . Fehlverhalten wurde bisher ja auch sanktioniert. Es ändert sich jetzt nur die Art und Weise der Kommunikation. Früher habe ich dem Trainer die Strafe verbal mitgeteilt, jetzt gibt es eben eine Gelbe oder Rote Karte.
Haben sich die Profis im Laufe der Zeit verändert in ihrem Verhalten Schiedsrichtern gegenüber?
Das finde ich nicht. Was sich verändert hat, ist die Physis der Spieler, die Athletik. Ich habe immer schon versucht, einen Draht zu den Spielern aufzubauen und mit den Leuten normal zu kommunizieren. Natürlich haben wir im heutigen Fußball mehr Kommunikationsbedarf, weil wir manchmal zwei Entscheidungen erklären müssen, die eine auf dem Platz und eventuell die zweite im Video-Assist-Center in Köln.
Gibt es Profis, zu denen Sie einen besonders guten Draht hatten oder einen sehr schlechten‘?
Natürlich gibt es die. Ich hatte früher zum Beispiel einen ganz guten Draht zu Sergej Barbarez (u.a. HSV und Leverkusen, d. Red.). Es war in meiner Anfangszeit, er war ein großer Spieler und ich ein junger Schiedsrichter, aber es hat trotzdem funktioniert. Mir hat gefallen, dass wir uns immer die Hand gegeben haben, auch wenn es zuvor auf dem Platz einen Disput gegeben hatte. Grundsätzlich ist es ja so, dass die Kommunikation mit den Spielern immer auch von der jeweiligen Tagesform abhängt. Es gibt Spieler, mit denen komme ich eigentlich gut aus, aber an einem bestimmten Tag auch mal nicht, weil ihnen vielleicht eine Laus über die Leber gelaufen ist. Das muss ich dann schnell erkennen und mich in der Kommunikation entsprechend anpassen.
Interview: Elisabeth Schlammerl