Dortmund – So viel Nähe war Marco Reus manchmal fast unheimlich. „Die Kabine ist das Heiligtum einer großen Mannschaft“, sagte der Fußballer des Jahres beim Gang über den schwarzen Premieren-Teppich, „von daher war da etwas Anspannung“, wenn die Kameras ihn wieder umschwirrten.
Das große Problem der Amazon-Doku „Inside Borussia Dortmund“, die der Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund am Mittwoch seinen Profis und 3000 geladenen Gästen in seinem Stadion präsentierte, ist jedoch ein anderes: Sie hat kein Happy End. Denn Meister wurde, klar, zum siebten Mal in Folge: der FC Bayern. Dessen Serie will die Borussia nun mit aller Macht stoppen.
Gut, das wollte der BVB bereits in der vergangenen Spielzeit. Der Unterschied ist: Diesmal darf (und soll) auch darüber geredet werden. „Wir wollen Meister werden“, das neue Mantra, sagen Marco Reus, Trainer Lucien Favre und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke wie mit einer Stimme auf. Betonung auf: wir. Die Chancen stehen so gut wie lange nicht mehr.
Dahinter steckt „das Bewusstsein, dass wir transfertechnisch einiges zu bieten haben“, berichtet Watzke recht bescheiden. Im Gegensatz zu den Bayern, die sich auf dem Markt mindestens ungeschickt anstellen, vermeldete der BVB ganz fix alle seine Wunschtransfers, er holte Julian Brandt, Nico Schulz, Thorgan Hazard, Mats Hummels. Zudem fand er Abnehmer für viele Spieler, die nicht mehr eingeplant waren: Andre Schürrle, Maximilian Philipp und Shinji Kagawa sind nur einige Beispiele.
Zu offensiv wollen sie in Dortmund selbst angesichts ihrer neuen, lauteren Kommunikationsstrategie nicht sein. Der BVB – der Favorit? Da reiht Watzke gleich dreimal „nein“ aneinander. Favre ist ohnehin ein zurückhaltender, bisweilen zögerlicher Typ. Er trägt die Ansage mit, ja, aber mit leichtem Magengrimmen. „Wir müssen trotzdem aufpassen, was wir sagen“, mahnt er: „Es geht von Spiel zu Spiel. Fertig.“
Schließlich hatte 2018/19 selbst ein zwischenzeitlicher Neun-Punkte-Vorsprung nicht ausgereicht. Der BVB legte beide Hände an die Schale, ließ sie aber dann doch dem FC Bayern in den Schoß fallen. Rückkehrer Hummels, den der Rekordmeister zurück nach Dortmund ziehen ließ, soll Ähnliches künftig verhindern – auch mit einem guten Schuss des in München erlernten Selbstverständnisses.
„Man muss anerkennen, dass die Siegermentalität dort nicht die Schlechteste ist“, sagte der Weltmeister von 2014 im kicker-Interview über den FC Bayern. Es ist vielleicht der Punkt, in dem beim BVB noch der größte Nachholbedarf besteht, wie die vergangene Saison bewies. Auch deshalb verordnete Watzke allen Spielern und Verantwortlichen nach seiner Aufarbeitung, die Ziele offensiv auszusprechen.
„Alles ist im Gleichklang“, sagt Sportdirektor Michael Zorc, er verspricht sich davon, „unseren Rahmen und unser Limit noch weiter nach oben zu verschieben“. Der Wunsch danach sei „insbesondere auch aus der Mannschaft“ gekommen. Eine Gefahr durch die deutlichere Zielsetzung sieht Zorc nicht: „Wir werden ja nicht beschimpft, wenn wir kein Meister werden.“ sid