Belgrad – Den eigenen Weg hielt Aleksandar „Sasa“ Djordjevic (51) schon immer für den besten. Beim FC Bayern haben sie ihn deshalb im Frühjahr 2018 rausgeworfen – trotz Pokalsieg und Eurocup-Halbfinale. Er hatte sich gerne den Ratschlägen und Aufforderungen der Führungsetage widersetzt.
Daheim in Serbien wird ihm dergleichen nicht so leicht passieren. Hier darf der General noch General sein. Silbermedaillen bei Olympia und den jüngsten Welt- und Europameisterschaften legitimieren jede Entscheidung des Trainers – so unpopulär sie auch sein mag. In der Vorbereitung auf die Basketball-Weltmeisterschaft hat Djordjevic gezeigt, dass in seiner Mannschaft noch immer der Coach und nicht die Stars bestimmen, wie und was gespielt wird. Bei sämtlichen Testspielen ließ er Nikola Jokic – seinen mit Abstand besten Basketballer – zu Beginn auf der Bank sitzen. Das war mehr Machtspielchen als Taktikkniff. Jokic hatte sich zu selten beim Team blicken lassen. Die alte Balkanschule sieht natürlich entsprechende Maßregelung vor. Trotzdem erwarten alle, dass Jokic am 31. August gegen Angola in der Startformation steht. „Wenn nicht, wäre das eine der dümmsten Entscheidungen im internationalen Basketball aller Zeiten“, betont TJ McBride, Journalist aus Denver.
In den Rocky Mountains hat sich der 2,13-Meter-Berg zu einem der zehn besten Basketballer des Planeten entwickelt. Das war so nicht immer abzusehen. Als er 2015 in den Staaten ankam, trank er drei Liter Cola pro Tag, aß Fleisch und Reis – mit Vorliebe schön fettig zubereitet – und sah auf dem Spielfeld aus wie ein tanzender Pandabär. Ja, beweglich war der Serbe schon immer. Vier Jahre später erinnert Jokic zwar noch immer an einen pummeligen Bär – allerdings mit 20 Kilo weniger auf den Rippen und 30 Millionen Dollar mehr auf dem Konto. 25,5 Millionen kassiert er jährlich bei den Denver Nuggets. Der Center ist der Grund, warum viele die Serben noch vor den Amerikanern als Topfavoriten auf den WM-Titel sehen.
Mike Miller, einer der besten Scharfschützen der NBA-Geschichte, hat ihm den Spitznamen „Joker“ verpasst, weil Jokic seinen Gegner auf so viele Arten überraschen kann. Er dribbelt so gut wie ein Flügelspieler, er passt so genau wie ein Spielmacher und er schubst die großen Brocken umher wie ein Türsteher. Anfangs war er sich nicht sicher, ob er sich wirklich „Joker“ nennen dürfe. Da Novak Djokovic, die serbische Tennis-Legende, denselben Rufnamen trägt. Doch bei den Olympischen Spielen 2016 trafen sich beide und klärten das unter Männern. Wie sich das gehört.
Im Grunde vereint Jokic sämtliche Attribute, die die Basketballer vom Balkan seit jeher auszeichnen: Sie mögen nicht die athletischsten sein, können jedoch passen, werfen und gelten als schlau. Mit dem ehemaligen Bayern-Aufbau Stefan Jovic hat der „Joker“ bereits ein erstklassiges Pick-and-Roll-Tandem geformt. Flankiert werden sie von den Edelschützen Bogdan Bogdanovic (1,98/Sacramento Kings), Marko Guduric (1,98/Fenerbahce), Vladimir Lucic vom FC Bayern sowie Nemanja Bjelica (2,08/Sacramento Kings). Als Ersatz unter dem Korb steht Boban Marjanovic bereit – mit 2,21 Metern der größte Spieler der NBA, der obendrein für seinen Humor bekannt ist. Vorige Woche ging er mit seiner Frau und Jokic am 31. Geburtstag essen. Seine Gattin küsste er – der Joker durfte die Kerze halten. Alles festgehalten auf einem Foto.
Das Ensemble mit der Mischung aus NBA-Profis und Spielern der europäischen Elite hat seine Favoritenstellung mit sieben Erfolgen in sieben Testpartien untermauert. Kein anderer WM-Teilnehmer hat eine bessere Bilanz. In Griechenland gegen Superstar Giannis Antetokounmpo bestanden sie selbst ohne Jokic und Altstar Milos Teodosic, der die WM wegen einer Fußverletzung verpasst. Wenig überraschend, dass Trainer Djordjevic, nie um einen Spruch verlegen, eine Kampfansage gen Amerika schickte. „Falls wir gegeneinander spielen, möge ihnen Gott helfen.“