Der Coutinho-Code

von Redaktion

Viele Trainer haben sich schon am neuen Bayern-Star die Zähne ausgebissen

VON DANIEL MÜKSCH

München – Weltstar oder Rollenspieler? Heilsbringer oder Sensibelchen? Seitdem Philippe Coutinho beim FC Bayern gelandet ist, existieren zwei Lesarten des Leihgeschäfts.

Fast demütig preisen die Verantwortlichen ihre neueste Attraktion von Tag eins an und verneigen sich vor dem Talent des Ex-Barca-Spielers. Auf der anderen Seite die Nörgler: Coutinho habe in Europa nur bei einem Verein und unter einem Trainer – Jürgen Klopp – funktioniert. Seine Lieblingsposition auf der 10 gebe es im modernen Fußball gar nicht mehr und mental sei der Edel-Techniker nicht stabil genug für konstante Weltklasseleistungen.

An dieser Stelle müssen alle Extremisten und SchwarzWeiß-Maler stark sein – die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte. Coutinho ist weder „Bratwurst“ noch „Fußball-Messias“. Gleichwohl benötigt die Barca-Leihgabe bestimmte Parameter, um sein enormes Potenzial auszuschöpfen. Bei diesen Parametern haben die Bayern womöglich schon einen gravierenden Fehler gemacht: Sie haben ihren Königstransfer mit zu hohen Erwartungen überladen. Diese Konstellation wurde dem Brasilianer schon zweimal zum Verhängnis.

Als Inter Mailand sich 2008 die Transferrechte an Coutinho sicherte, hefteten die Italiener ihm prompt das Etikett „Wunderkind“ an. Verschoben ihn aber auf dem Platz von der Mitte mal nach links, mal nach rechts. Nach guten Ansätzen zu Beginn unter Star-Trainer Rafael Benitez wechselten die Inter-Trainer kurz darauf so häufig, dass kein Coach mehr einen Zugang zu dem sensiblen Rechtsfuß aufbauen konnte. Egal ob Leonardo, Gian Piero Gasperini, Claudio Ranieri oder Andrea Stramaccioni. Der Offensivspieler benötigt aber einen Fixpunkt, der ihm den Rücken stärkt.

Coutinho wurde an Espan-yol Barcelona ausgeliehen. Spielte dort unter Mauricio Pochettino, heute Trainer der Tottenham Hotspurs. Pochettino verglich die Leihgabe bei der Ankunft mit Messi und Ronaldinho. Coutinhos Leistungen waren jedoch meilenweit von der Messi-Ronaldinho-Liga entfernt.

In Liverpool fand Coutinho ein Jahr später dagegen die perfekte Ausgangslage vor: Keine überhöhten Erwartungen. Die hatte der Hochveranlagte mit Durchschnittsleistungen heruntergespielt. Zudem ein Umfeld, das ihm Ruhe und Stabilität garantieren konnte. Jürgen Klopp nahm dabei eine Schlüsselrolle ein. Der Menschenfänger zog Coutinho in seinen Bann. Er machte Coutinho zu seinem kreativen Anführer. Stellte sich bedingungslos hinter ihn. Auf dem Höhepunkt des Wechseltheaters mit dem FC Barcelona gab Klopp Coutinho die Kapitänsbinde. Doch der Brasilianer konnte dem Lockruf des Geldes nicht widerstehen. „Wenn du hier bleibt, dann errichten sie für dich eine Statue. Wenn man woanders hingeht, zu Barcelona, Bayern oder Real, dort ist man nur einer von vielen“, hatte Klopp seinem Schützling geraten. Coutinho wurde aber nicht mal einer von vielen. Er avancierte zum Prügelknaben sowohl der Liverpool-Fans, nachdem er seinen Wechsel mit vermeintlichen Verletzungen erpresst hatte, als auch später der Barca-Anhänger durch erschreckend schwache Darbietungen.

Auch die Katalanen überhöhten ihren Transfer und ließen sich hinreißen, Coutinho als Nachfolger von Club-Legende Iniesta vorzustellen. Die Lehren aus der Achterbahnfahrt des Philippe Coutinho? Er funktioniert nur, wenn: 1. Er einen Zehner-ähnlichen Stammplatz mit vielen Freiheiten bekommt. 2. Keine aus den eigenen Reihen künstlich hoch geschraubte Erwartungen ihn belasten. 3. Ein Trainer mit ihm arbeitet, der das Vertrauen im Verein besitzt, um langfristig sein Konzept umsetzen zu können.

Beim Blick auf Niko Kovac und den FC Bayern im Sommer 2019 muss man heute resümieren: Nur bedingt Coutinho-bereit.

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