von Redaktion

Herr Bauermann, langsam aber sicher richten sich die Blicke nach China. Wie geht es Ihnen – blicken Sie nach ihrem eher unglücklichen Engagement bei den Sichuan Blue Whales gerne nach China?

Ach, man soll das nicht bewerten. Was bleibt ist: Es ist schwer, weil so vieles so anders ist, als wir es gewohnt sind. Und acht Monate in so einem anderen Umfeld zu sein, ist nicht immer einfach. Aber es ist eine hochinteressante, aufregende Kultur. Und auch in einer so anderen Basketball-Kultur zu arbeiten, das ist eine große Herausforderung. Das macht einen besser. Das hält einen jung und die Leidenschaft an der Aufgabe am Leben. Ich möchte das nicht missen, aber ich bin jetzt auch froh, wieder hier zu sein.

Was bedeutet dieses Anderssein in der Praxis? Auf welche Probleme stößt man?

Man stößt zum Beispiel auf extrem hierarchische Strukturen. Es gibt keine Diskussionskultur. Entweder es wird von oben, vom Besitzer, per Dekret entschieden, und dann wird erwartet, dass das so umgesetzt wird. Oder der Trainer kann einen Vorschlag machen und dann wird darüber befunden. Aber es gibt keinen Austausch. Das ist zum Teil natürlich sehr unbefriedigend.

Wie weit wirkt sich das auf den Sport aus?

Da gibt es eine andere Sache. Der chinesische Basketball hat ja unglaubliches Potenzial. Viele große Jungs, hochtalentierte Spieler auf allen Positionen. Aber die Ausbildung der Spieler, der Umgang mit ihnen nimmt ihnen im Grunde jede Form von Eigeninitiative und Kreativität. Alles, was erlernt und antrainierbar ist, das machen sie sehr gut. Aber alles darüber hinaus macht ihnen große Schwierigkeiten. Das wird man bei der WM auch sehen.

Der Sportler als Maschine?

Das ist so ein bisschen wie bei Wanderarbeitern. Die Jungs wie die Trainer auch bekommen exakt gesagt, wann sie wo zu sein haben. was sie zu essen haben, wann sie ins Bett zu gehen haben. Selbst chinesische Nationalspieler – in meiner Mannschaft war einer mit 34 Jahren – leben das ganze Jahr über in Zweierzimmern. In der sechs Monate langen Saisonvorbereitung, in der man ja praktisch kein Spiel spielt, leben die im Trainingszentrum des Vereins in einer Art Dormitorium. Da wird der gesamte Tagesablauf festgelegt. Und zu einer bestimmten Uhrzeit sind bei den Spielern die Handys abzugeben. Diese Unfreiheit zusammen mit ihrer Ausbildung, die sehr drillorientiert ist, das verunmöglicht fast, dass Spieler auf dem Spielfeld kreativ, frei und spontan entscheiden. Da muss man natürlich auch die Spielkultur darauf abstimmen, sonst sind die gnadenlos überfordert. Ja, das sind so die Dinge, die anders sind. Vom Essen und solchen Dingen brauchen wir jetzt gar nicht zu reden.

Ach, tun Sie es doch. Wissen Sie denn zumindest, was Sie gegessen haben?

Na ja, der Trainer und der Stab und die beiden Amerikaner waren eigentlich immer in tollen Sechs-Sterne-Hotels und da gibt es natürlich auch westliche Küche. Mein Konditionstrainer, der Amerikaner war, ist ein richtig mutiger Kerl. Der hat alles gegessen, was die Chinesen essen. Der hat dann auch das Karnickelköpfchen gegessen und Augen und Zungen ausgesaugt.

Autsch …

Jaja, diese Reaktion gab es bei mir auch. Ich habe mich da überhaupt nicht rangetraut. Aber er hat auch andere Delikatessen, die man sonst nur im Dschungelcamp sieht, ausgiebig ausprobiert. Aber alles in allem ist ihm das ganz gut bekommen. (lacht).

Leben im Sechs-Sterne-Hotel und Arbeit mit fügsamen Sportlern könnte man auch als Trainertraum sehen …

Ja, von wegen. Ich habe zum Beispiel erwartet, dass chinesische Sportler eine enorm hohe intrinsische Motivation haben. Aber bei bestimmt 80 Prozent der Spieler ist genau das Gegenteil der Fall. Die ruhen sich da sehr auf ihrem Status als Profisportler aus, sind hoch angesehen. Die haben in der Regel fast lebenslange Verträge, da gibt es praktisch keinen Free-Agent-Markt. Mit ganz wenigen Ausnahmen sind die Spieler alle sieben, acht Jahre bei ihrem Verein. Auch deshalb ist die Trainingskultur eine ganz andere als bei uns. Man muss sie im Grunde zu allem treiben, da musstest du immer Druck machen, sonst haben die sich extrem zurückgenommen.

Wie wird denn der Sport von außen angenommen? Ist China tatsächlich ein Basketball-Land?

Total! Das ist nach Tischtennis die Sportart Nummer zwei. Vor allem die NBA hat einen enorm hohen Stellenwert. Das haben wir 2008 beiOlympia auch erlebt. Der Personenkult, der da um Nowitzki oder LeBron James gemacht wurde, war schon unglaublich. Aber auch die CBA, die chinesische Liga. Die ist hochprofessionell. Da ist viel, viel mehr Geld drin als bei uns. Aber es spielen halt auch nur zwei Ausländer pro Club und es sind 20 Vereine – das verwässert natürlich das Niveau ein bisschen. Nach hinten flacht es stark ab. Die beiden Topvereine aber wären sicher auch Anwärter für die Top 4 oder Top 6 in der BBL.

Das klingt aber zumindest nach einem guten Umfeld für die WM.

Absolut. Das wird sehr professionell. Die Atmosphäre in den Hallen allerdings ist eine ganz andere als in Europa, gerade in Südeuropa. Die Chinesen sind deutlich reservierter und eigentlich immer auf der Suche nach unterhaltenden Momenten. Da wird im Zweifel auch ein Dunking des Gegners mehr beklatscht als ein guter Pass oder eine gelungene Verteidigungsaktion der eigenen Mannschaft. Viel wird vom Abschneiden der Chinesen abhängen. Wenn die nicht weit kommen, dann wird der totale Fokus ganz schnell auf die Amerikaner gehen, auch wenn viele Stars nicht dabei sind. Ansonsten muss man sehen. Aber auch da werden sicher busseweise die Schulkinder angekarrt, damit es nicht leer wird. Wobei, Zugnummern aus der NBA gibt es ja genug.

Und die deutsche Mannschaft? Die Vorschusslorbeeren sind groß.

Der Wettbewerb ist natürlich extrem stark. Die Griechen mit Antetokounmpo, die Franzosen haben sechs NBA-Spieler dabei, die Australier sind extrem stark, die Serben, Litauer, Spanier. Zu dem Pool, der wenigstens unter die Top 4 kommen kann, gehören sicher auch wir. Aber eben auch viele andere. Für mich sind die Amerikaner klarer Favorit, dahinter kommen sechs andere, die Aussichten auf eine Medaille haben. Zu denen würde ich auch uns zählen.

Es gibt Stimmen, die sagen, die aktuelle deutsche Mannschaft sei eine goldene Generation, die beste aller Zeiten. Stimmen Sie zu?

Ob das eine goldene Generation ist, das müssen die Jungs erst noch beweisen. Ich würde sagen, dass diese Mannschaft in der Tiefe von 1 bis 14 die beste ist, die wir je hatten. Dass das so ist, da ist sicher auch Glück dabei. Aber es ist auch einfach gut gearbeitet worden. In der BBL und auch beim Verband, wo viele Veränderungen vorgenommen haben. Das merkt man, die Konsequenzen sieht man jetzt an den Jungs, die da spielen. Aber: Ob die erste Fünf, die beispielsweise gerade beim Supercup auf dem Feld war – ob die eine erste Fünf mit sagen wir Hamann, Herber, Okulaja, Nowitzki und Kaman oder Femerling geschlagen hätte. Hmmmm, da würde ich mein Geld eher auf die andere Generation setzen.

Zum Beispiel auf Ihr Team von 2005, mit dem Sie in Serbien überraschend Silber holten?

Genau. Vor allem aber wenn ich an die Mannschaft denke, die sich 2008 für Olympia qualifiziert hat. Mit Kaman, Nowitzki – das war schon eine große, physische, sehr clevere, sehr, sehr gute Mannschaft. Wenn man diese Mannschaften vergleichen will, dann kann man sicher sagen, dass die heutige die athletischste und am tiefsten besetzte ist. Ob sie auch die beste ist, das muss sich zeigen.

Das Team von 2005 hatte mit Dirk Nowitzki eine überragende Führungspersönlichkeit. Kann beispielsweise Dennis Schröder in diese Fußstapfen treten?

Er wirkt schon gereift. Auf dem Feld, nicht nur basketballerisch, auch wie er versucht zu führen. Ich finde es manchmal noch ein bisschen zu demonstrativ. Aber der wird sein Ding machen. Das ist ein Junge, der vor keinem Angst hat, den die großen Gegner zu Höchstleistungen treiben werden. Es wird eher darauf ankommen, dass sich die anderen steigern. Ein Maxi Kleber zum Beispiel. Er hat zuletzt beim Supercup gut gespielt. Aber er muss sich aus der Rolle lösen, die er bei den Dallas Mavericks hatte, nämlich Rollenspieler zu sein. Es wird wichtig sein, dass die Verantwortung auf mehreren Schultern liegt, denn die Gegner werden alles tun, um Dennis aus dem Spiel zu nehmen.

Kommt genug Entlastung von der Bank?

Das ist eine wichtige Frage. Auf den großen Positionen sind wir sehr, sehr gut besetzt. Aber in der Tat: Ich fand, dass Ismet Akpinar, Andreas Obst und vor allem auch Maodo Lo noch deutlich Luft nach oben haben. Da kann noch mehr kommen, da muss aber auch noch mehr kommen. Davon, was hinter und neben Dennis auf den kleinen Positionen passiert, wird vieles abhängen.

In Verband und BBL hoffen viele, dass die aktuelle Generation dem Basketball in Deutschland zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen kann. Ist das realistisch?

Dafür braucht es vor allem einmal Erfolg und es braucht Gesichter. Das hat man auch 2005 gesehen. Als wir bei der Europameisterschaft so sensationell gut gespielt haben, entstand ein gewaltiger Hype, mit Nowitzki hatten wir ein Gesicht. Am Ende wurden wir zur Mannschaft des Jahres gewählt. Aber wenn das einmal passiert, dann ist das ein Strohfeuer. Da brauchst du Nachhaltigkeit. Aber die aktuelle Mannschaft ist insgesamt noch jung. Sie hat zwar durch den dichten Spielplan nicht viel Zeit zusammenzuwachsen. Das war früher einfacher. Aber da ist noch keiner über seinem Zenit. Das ist schon einmal eine sehr gute Voraussetzung.

Und sehen Sie auch potenzielle Identifikationsfiguren?

Ja, das glaube ich schon. Dennis wird eine der überragenden Spielerpersönlichkeiten der WM sein. Da kann man sich ganz sicher sein, dass er abliefern wird. Daniel Theis kann das sein, Maxi Kleber kann das sein, auch Johannes Voigtmann. Wenn er gesund bleibt, dann kann auch Paul Zipser eine starke Rolle spielen. Also, da muss einem nicht bange sein.

Interview: Patrick Reichelt

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