Starnberg – Für den Fall der Fälle, dass ihnen der Himmel über Berlin auf den Kopf fallen sollte, hat Carina Wehr die entsprechenden Muntermacher eingepackt. „Dann gibt es Schoko-Bons“, sagt die Seglerin aus dem Münchner Yacht-Club, auf süße Leckerli vertrauend.
Zusammen mit den Geschwistern Isabella und Valerie Knaus sowie Karo Deichl sorgt die 23-jährige Informatikstudentin an diesem Wochenende für ein Novum in der 1. Bundesliga. Zum ersten Mal in der siebenjährigen Geschichte der Eliteliga stellt sich ein reines Damen-Team der fast ausschließlich aus Männern bestehenden Konkurrenz. „Die meisten finden das richtig cool, dass mal Mädels da sind und das übernehmen“, spricht Deichl von einer allgemein positiven Resonanz auf die geballte Fracht Frauenpower aus der Possenhofener Straße in Starnberg.
Man kann nicht gerade behaupten, dass die Emanzipation im MYC weiter als irgendwo anders in Oberbayern vorgedrungen ist. Einen Gleichstellungsbeauftragten sucht man hier vergeblich, immerhin hat der Club vor zwei Jahren mit dem Ladies-Cup eine Regatta nur für Frauen ins Leben gerufen. Dass die Münchner gleich vier Seglerinnen zum vierten Bundesliga-Spieltag in die Bundeshauptstadt beordern, ist deshalb weniger der ideologischen Überzeugung, sondern vielmehr einem teaminternen Prozess geschuldet. „Das hat sich so herauskristallisiert“, plaudert Valerie Knaus aus. Die 23-jährige Studentin der Humanmedizin sieht die Mission ihrer Mannschaft als „mehr so ein Experiment“ an. „Klar werden wir ins kalte Wasser geworfen“, räumt sie ein.
Ohne gezielte Vorbereitung geschieht das allerdings nicht. Das Quartett hat das ganze Jahr über intensiv auf seinen Einsatz hingearbeitet und an den ersten drei August-Wochenenden Sonderschichten gefahren. Mit Berlin wählte der Club bewusst ein Leichtwindrevier für die Crew aus, die dort aufgrund ihres geringeren Gewichts einen gewissen Vorteil besitzt. Ein verschärfter Regelkundetag mit dem internationalen Experten Uli Finckh rundete das Programm ab. „Ich hoffe, dass wir uns nicht einbuttern lassen“, sagt Wehr in der Erwartung, dass ihr Team für alle Kniffe und Tricks der Konkurrenz präpariert ist.
Wer da wen einbuttert, gilt für Micki Liebl schon als ausgemacht. „Ich habe vollstes Vertrauen zu den Mädels und hoffe, dass sie die Burschen richtig aufmischen“, gibt der Teammanager des MYC seinem Ensemble aufmunternd mit auf dem Weg an den Wannsee. Liebl ist lange genug im Geschäft, um über die Psychologie auf dem Wasser genau Bescheid zu wissen. Dass auf einmal vier Frauen in eine Männerdomäne eindringen, wird bei dem einen oder anderen eingefleischten Skipper die üblichen chauvinistischen Abwehrreflexe auslösen. Wer lässt sich schon gerne von einer Frau überholen? „Da ist der Druck bei den anderen wesentlich größer“, ist der Teamchef überzeugt, dass der weibliche Eindringling zur Herausforderung für alle wird.
Im Prinzip kämpft in der Bundesliga ohnehin jeder gegen jeden, aber die vier Münchnerinnen in Berlin wohl auch allein gegen alle. „Wenn wir nicht zusammenhalten, sinken die Chancen gleich“, stellt Karo Deichl klar, dass die Crew in den Rennen das Ideal noch ein wenig mehr verinnerlichen muss, das sie in den vergangenen Monaten für sich gefunden hat: „Wir sind zu einem Team geworden und nicht vier Personen.“ Der 22-jährigen Medizinstudentin ist bewusst, dass vom Abschneiden ihrer Mannschaft auch eine Signalwirkung für den Rest der Liga ausgehen kann. Gerade für klassische Leichtwindreviere wie Starnberger See, Bodensee oder Wannsee sind Frauen prädestiniert. „Wir sind stolz darauf, dass wir selbst den Anfang setzen können“, weiß Deichl um die Chance, die sich ihr und ihren Kolleginnen bietet.
Klappt’s, gibt’s wohl mehr als ein Schoko-Bonbon extra.