München – „Diese Straßen lassen dich wie neugeboren fühlen“ – so lautet die Übersetzung einer Zeile von Alicia Keys’ New York-Hymne „Empire State Of Mind“. Und genau diese Zeile postete Angelique Kerber kurz nach ihrer Ankunft in New York. Gehört der Song inzwischen zur obligatorischen Einstimmung eines jeden Big-Apple-Besuchers – für Deutschlands beste Tennisspielerin hat er zum Start des letzten Grand-Slam-Turniers doppelte Bedeutung.
Auf der Anlage im Stadtteil Queens hat Kerber die letzte Chance, einem sportlich verkorksten Jahr noch eine positive Note zu verleihen. Und die Kielerin ist bei ihrer Formsuche in den Straßen New Yorks nicht alleine: Ihren Kollegen Alexander Zverev plagen sehr ähnliche Probleme.
Auch er präsentiert sich seit Wochen meilenweit von seiner Topform entfernt. Die größte Tennisbühne der Welt soll auch das Ende seiner Talfahrt markieren. Doch für Beide wird es ein schwieriges Unterfangen. In den letzten Wochen überboten sich Kerber und Zverev mit negativen Darbietungen.
Kerber konnte seit ihrem frühen Aus in Wimbledon kein einziges Match mehr gewinnen. Die ehemalige Weltranglisten-Erste ist auf Platz 14 abgerutscht. Zverev blamierte sich zuletzt bei seiner Niederlage in Cincinnati gegen Miomir Kecmanovic mit 20 Doppelfehlern – unwürdig für einen Spieler mit seinem Talent. Sucht man nach Ursachen für die sportliche Misere der deutschen Aushängeschilder, sticht ein Punkt ins Auge: Unruhe im engsten Umfeld. Beide versuchen derzeit, ihren Betreuerstab neu aufzustellen. Allerdings nicht ohne Nebengeräusche.
Mit einer Aggressivität, die er seit Monaten am Platz vermissen lässt, leitete Zverev die Trennung von Super-Coach Ivan Lendl ein. Durch die Blume bezeichnete der 22-Jährige den achtfachen Grand-Slam-Sieger als faul, was dieser mit Kritik an Zverevs privatem Umfeld konterte. Die Trennung war unausweichlich. In New York steht wieder Papa Alexander mit seinem Sohn auf dem Trainingsplatz. Auch der hässliche Rechtsstreit mit Ex-Manager Patricio Apey begleitet den Weltranglisten-Sechsten. Chaos auf und neben dem Platz.
Vordergründig geht es bei Angelique Kerber harmonischer zu. Ihre Trennung von Trainer Rainer Schüttler erfolgte mit den üblichen Lobhudeleien füreinander. Hinter den Kulissen wurde aber schon vor dem endgültigen Schüttler-Abgang von einer „Eiszeit“ zwischen dem ehemaligen Australian-Open-Finalisten und der Wimbledon-Siegerin von 2018 gesprochen. Zudem sollen bereits einige Trainer-Kandidaten eine Kerber-Offerte abgelehnt haben. Wie unsere Zeitung erfuhr: teilweise weil Kerber nur unter branchenüblichem Niveau bezahlen wollte. Teilweise weil sich mancher Trainer nicht zutrauten, das Ego der gebürtigen Kielerin zu bändigen.
Daher reist die Deutsche auch nach New York ohne Trainer. Allerdings hat Kerber schon einmal bewiesen, dass New York für sie der Ort für einen Neustart sein kann: 2011 spielte sie nach einer langen Durststrecke mit dem Gedanken, ihre Karriere früh zu beenden. Doch bei den US Open erreichte sie dann sensationell das Halbfinale. Der Rest ist ein Stück deutscher Tennis-Geschichte. Vielleicht hat sie den Zauber von 2011 in den Straßen von New York aber auch schon wiedergefunden. Und hat für Alexander Zverev sogar noch ein bisschen was übrig.
Denn ohne ein Zaubermittel stecken unsere Tennishelden wohl auch bei den US Open weiter in ihrer Sackgasse fest.