„Der Kader muss zeigen, wie gut er ist“

von Redaktion

Basketball-Bundestrainer Henrik Rödl über die bislang beste WM und die deutschen Aussichten

Saitama – 17 Jahre nach dem Gewinn der bislang einzigen WM-Bronzemedaille starten die deutschen Basketballer wieder ambitioniert in eine WM. Damals stand Henrik Rödl noch neben Superstar Dirk Nowitzki auf dem Parkett – heute führt er das Team um NBA-Star Dennis Schröder als Bundestrainer. Im Interview spricht der 50-Jährige über die am Samstag beginnende WM in China.

Als Spieler wurden Sie Europameister, sind nun seit 15 Jahren als Trainer tätig. Was bedeutet es für Sie, die Nationalmannschaft erstmals als Chefcoach zu einem großen Turnier zu führen?

Ich spüre schon, dass das eine besondere Aufgabe ist. Dass ich mit diesen Jungs arbeiten kann, die motiviert sind und mit dieser Einstellung in das Turnier reingehen, ist etwas ganz Spezielles.

Steht Ihnen dafür der talentierteste Kader zur Verfügung, den der deutsche Basketball jemals hatte?

Wir haben gute Spieler und eine größere Tiefe als die meisten Mannschaften in der Vergangenheit. Es gab immer Wellen: 1993 war die Mannschaft so erfahren und so gestählt, dass man da erst mal rankommen muss. Das Team war über die zwölf Spieler im Kader hinaus nicht so tief wie heute, da haben wir mehr Möglichkeiten. Dass ein NBA-Spieler wie Moritz Wagner nicht dabei ist, gab es damals nicht. Aber es war eine geschlossene Mannschaft, und wir haben nicht mal mit Detlef Schrempf gespielt, dem besten Spieler. Viele hatten internationale Erfahrung und waren im besten Alter. . .

Ähnlich wie das Team um Dirk Nowitzki bei der Bronze-WM 2002…

Da waren Größen wie Ademola Okulaja und Patrick Femerling dabei. Die Tiefe über den Kader hinaus, ist heute anders. Wie gut der Kader ist, muss er aber erst noch im Turnier zeigen.

Bei allem Talent im Team ist das deutsche Spiel stark auf Dennis Schröder zugeschnitten. Wie bewerten Sie seine Entwicklung?

Er hat wieder einen deutlichen Schritt in seinen spielerischen Fähigkeiten gemacht. Er ist defensiv deutlich besser und konstanter geworden durch seine Saison bei Oklahoma City. Er zieht die anderen in allen Bereichen mit. Es ist ein Privileg, so einen Spieler dabei zu haben. Da er den Ball nach vorne trägt, ist er an jedem Angriff beteiligt. Natürlich ist das Spiel da auf ihn zugeschnitten. Wir haben aber sehr, sehr viele gute Optionen, die er einzusetzen weiß.

Wann wird die WM für sie eine zufriedenstellende?

Ich weiß, dass diese Mannschaft ein sehr, sehr gutes Turnier spielen wird, wenn sie an ihr Potenzial rankommt, sich gut vorbereitet und gesund ist. Da vorher zu sagen, wie weit man kommt, ist eine Frage, die sich bei mir gar nicht aufdrängt.

Welche Bedeutung hat die Olympia-Qualifikation?

Das ist für alle das ganz große sportliche Ziel, jeder möchte dahin. Das spielt aber im Moment eher eine Nebenrolle und steht nicht im Vordergrund. Die WM ist so gut besetzt wie noch nie, es sind so viele Mannschaften wie noch nie dabei. Es gibt Stars ohne Ende in allen Mannschaften. Ich glaube, das Niveau ist in der Breite so hoch wie nie zuvor. Die Amerikaner sind zwar nicht so gut wie sonst, aber der MVP der NBA spielt für Griechenland (Giannis Antetokounmpo), die Serben haben zahlreiche Stars. Man kann locker fast zehn Teams aufzählen, die ganz, ganz weit oben landen können bei der WM.

Wer geht aus diesem Feld für Sie als Favorit ins Turnier?

Es ist das beste Turnier aller Zeiten, so gleichmäßig verteilt – das bei dieser Dichte vorherzusagen, ist völlig unmöglich. Frankreich, Spanien, Litauen, USA, Türkei, Serbien, Australien, Kanada –und irgendwo in einer Ebene sind wir auch. Aus meiner Sicht wird Weltmeister, wer vier oder fünf Spiele knapp hintereinander gewinnt.

In Frankreich wartet gleich eines der stärksten Teams im ersten WM-Spiel. Ist das ein möglicher Vorteil für Ihre Mannschaft?

Es wäre super, wenn wir das gewinnen, dann wäre es ein toller Wegweiser. Es ist natürlich ein sehr, sehr wichtiges Spiel. Wenn wir gewinnen, wäre das ein Riesenvorteil. Aber wenn man verliert, kämpft man weiter, um das aufzuholen. Man muss große Nationen schlagen, um weiterzukommen, und Frankreich ist eine der besten.

Der Vorrundenort Shenzhen liegt nahe Hongkong, wo die Lage angespannt ist. Wird das mit der Mannschaft thematisiert?

Wir schauen die Nachrichten wie alle anderen Menschen auch. Natürlich beobachtet man das. Aber wir können es nicht beeinflussen. Die WM wird weiter in Shenzhen stattfinden und ich gehe davon aus, dass wir zwar Militärpräsenz, aber keine Unruhen mitbekommen werden.

INTERVIEW: FLORIAN LÜTTICKE

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