Der Star steht am Spielfeldrand

von Redaktion

NBA-Trainerlegende Greg Popovich führt ein US-Team der Namenlosen zur WM

VON ANDREAS MAYR

Melbourne – Die Asiaten, in besonderer Weise die Chinesen, gelten als große Fans des amerikanischen Basketballs. Zu den NBA-Finals schicken sie fliegerweise Journalisten. Natürlich traf man auch in Las Vegas einige. Es trainierte ja das US-Team, die Hauptattraktion der WM in China. Ein Kamera-Team arbeitete sich bis zu Gregg Popovich vor, dem Trainer, der aussieht wie der Heilige Nikolaus und mit den Medien parliert wie Hans Meier in seinen besten Zeiten. Sie sagten voraus, was ihn in der Heimat erwartet. Er werde das Gesicht der Amerikaner bei der WM sein, das häufiger erkannt wird als jeder seiner Spieler. Popovich winkte ab, wie er das häufig tut. Aber er wusste, welch’ wahre Worte sie sprachen.

Seine Auswahl besteht aus Basketballern, die nur die zweite oder dritte Wahl auf ihren Posten waren. Namenlose im Vergleich zu LeBron James, Stephen Curry, James Harden und Kevin Durant. Es verging zuletzt kaum eine Woche, in der nicht ein weiterer großer Name absagte. Die Elite des Sports gönnt sich eine Pause, weil sie in der heimischen Liga, der NBA, ohnehin bis zu 110 Mal pro Saison spielt und die WM – sagen wir es vorsichtig – nicht den höchsten Stellenwert im US-Basketball genießt. Bei Olympia rauft sich die Beletage zusammen. Über die WM spricht man nur ausführlich, wenn die eigene Auswahl kein Gold heim-bringt. Deshalb muss die Frage erlaubt sein: Was in aller Welt macht Popovich mit 70 Jahren und fünf Titeln in der NBA eigentlich hier?

Alles, was es zu holen gibt, sind Tintenkleckse auf einem fast makellosen Lebenslauf. Platz eins wird Amerika zur Kenntnis nehmen, jede andere Platzierung hat der Coach der San Antonio Spurs zu verantworten. Im Fall von Gregg Charles Popovich ist es eine Form von Patriotismus, die ihn antreibt. „Es ist unser Land. Da sagst du Ja“, betont der Coach – jahrelang Spieler und Trainer der US-Air-Force-Akademie. Neben Steve Kerr, seinem Lehrling und Co-Trainer beim US-Team, gehört Popovich zu den wenigen in der Sport-Szene, die sich oft und gern gegen Präsident Donald Trump stellen. Viele Amerikaner würden sich Popovich an Trumps Stelle wünschen. Von seinen Spielern verlangt er Interesse an Politik und der Welt. Bei gemeinsamen Abendessen verbietet er, über Basketball zu sprechen.

Popovich hat diesen Job aber auch angetreten, um mit sich und seiner Vergangenheit ins Reine zu kommen. Kurz vor Olympia 1972 bootete man den talentierten, aber recht unbekannten Aufbauspieler aus. Das traf ihn hart. „Olympia war immer mein Traum.“ 2002 (WM-Sechster) und 2004 (Olympia-Bronze) gehörte er als Assistenztrainer zu den Versagern, was dazu führte, dass der Verband vier Jahre später das Redemption-Team nach Peking schickte. Die Erlösungsauswahl, vollgepackt mit Top-Spielern, die den guten Ruf der US-Basketballer aufpolieren durften.

Seitdem hat Amerika keine Partie verloren. Bis Samstag, bis zu diesem denkwürdigen Test vor 52 079 Zuschauern im Marvel Stadium in Melbourne, eigentlich ein Football-Tempel. Mit 98:94 gewannen die Australier. Es war ihr erster Triumph in der Geschichte des Basketballs gegen Amerika. Popovich verstand die erste Niederlage nach 13 Jahren als Warnung, als „Lehrstunde“, wie er sagte. Es zeigte sich, was die Kritiker bemängeln: In der Not rettete früher ein Ausnahmekönner (2010 Durant, 2014 Curry und Harden). Das war oft nötig, weil das US-Team immer schon eine Zweckgemeinschaft der Hochbegabten und noch nie ein über Jahre zusammengeschraubtes Bastelset war. Im aktuellen Aufgebot mangelt es nun erheblich an Superstars.

Aus dem Dream-Team ist ein Ausbildungsteam geworden. Spieler wie Donovan Mitchell oder Jason Tatum gelten als Sternchen der Zukunft. Popovich, flüstern diejenigen, die ihn kennen, soll das ganz recht sein. Er hat immer schon am liebsten mit lernwilligen, hörigen Jungen gearbeitet. Seine Lehre vom Basketball stützt sich auf den Grundsatz: gleiches Recht für alle. Stars behandelt er nicht anders als Reservisten. Eine Chance bekommt jeder. Solange er sich ans System hält. Viel passen, viel laufen, wenig Ego-Getue. Diese reine Lehre hat er sich in Europa abgeschaut. In seinen 23 Jahren als Trainer in San Antonio lotste er 45 Internationale in die NBA, darunter den Australier Patty Mills – Top-Scorer am Samstag mit 30 Punkten. Welch Ironie, dass Popovich, der Mann, der die NBA zum Spielplatz für die ganze Welt umgebaut hat, nun nach über zwei Jahrzehnten wieder ein ausnahmslos amerikanisches Team betreut.

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